Das Kompendium

September 2018

Düstere viktorianische Post-Mortem-Portraitfotos, griechische Soldaten, in lebendigen Ölfarben auf Leinwand gebannt, flackernde Super-8-Filme von Kindergeburtstagen, hochauflösende Handyvideos von wirklich allem um uns herum – inmitten des ewigen Wandels haben Menschen schon immer versucht, Augenblicke einzufangen und festzuhalten. Solche Objekte werden bestenfalls zu Erinnerungsstücken: Betrachten Sie einen Moment lang die Geschichte des geschriebenen Wortes und die ungleichmäßige Entwicklung bis hin zum federleichten Papier. Auf lange Sicht können wir uns kaum ausmalen, welche Form unsere Kommunikation in der Zukunft annehmen könnte oder in welcher Schriftform sie erscheinen wird. Werden unsere Nachkommen noch lernen, mit der Hand zu schreiben? Werden sie Tastaturen benutzen oder einfach nur diktieren? Werden Emojis das 21. Jahrhundert überstehen oder werden junge Back-To-Basics-Fanatiker sich dafür einsetzen, sie in Stein zu meißeln? Evolution und Vergänglichkeit sind zwei untrennbare Stränge der Doppelhelix, die das Dahinschleichen der Zeit darstellt. Und bis jetzt ist die Zukunft noch ungeschrieben.

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HÖREN

Über eklektische Inspiration und verdienten Beifall

Der in Bangkok lebende DJ Maft Sai hat den Großteil seines Lebens in Australien und Großbritannien verbracht. Aber die Musik, in die er sich verliebte und die er sowohl zu Hause als auch im Ausland populär gemacht hat, ist Thailands Version eines bodenständigen Country-Jams, gesungen auf Isan. Luk Thung (wörtlich: „Kinder des Feldes“) und das Gegenstück Mo Lam („erfahrener Sänger“) halten die Rhythmen und Strapazen des Landlebens fest. Der traditionelle Gesangsstil Mo Lam, der seit dem 17. Jahrhundert in den ländlichen Gebieten Thailands und Laos’ gespielt wird, wird von einer Mundorgel aus Bambus begleitet, auch als Khaen bekannt, deren Basstöne psychedelische Nuancen bergen, und manchmal auch von Trommeln und Phin (eine kleine Laute). In den 1970ern führten amerikanische Soldaten, die um Isan herum stationiert waren, damals aktuelle Rock-, Soul- und Funk-Musik in die lokale Musikszene ein, und klassische Mo Lam Lieder aus diese Ära beinhalten Riffs von Black Sabbath und den Rolling Stones. Im Jahr 2009 rief Maft Sai eine monatliche Tanzparty in Bangkok ins Leben, bei der Stücke aus dieser Zeit gespielt werden. Durch die gemeinsame Begeisterung bestätigt eröffnete er einen Plattenladen und gründete The Paradise Bangkok Molam International Band – ein sechsköpfiges Kollektiv, das auf dem Glastonbury Festival in England auftrat und sich nun einer großen Fangemeinde weltweit erfreut. Ihr Album 21st Century Molam aus dem Jahr 2014 steckt voller ausgezeichneter Tracks. Hören Sie mal in „Sao Sakit Mae“ rein. „Wenn Sie es aber wirklich authentisch wollen“, erzählte Maft Sai dem VICE Magazin, „dann müssen Sie eine private Party auf dem Land besuchen, wo man eine Kuh schlachtet, die sich das ganze Dorf teilt, und bis 10.00 Uhr morgens Musik spielt.“

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KINO

Eine elegische Meditation über Enteignung, Erinnerung und Trauer

„Cowboys und Indianer bilden zusammen das „Ich“ und das „Es“ der angelsächsischen Identität“, schreibt Navajo-Filmemacher Brian Young in einem bissigen Essay über die sich langsam wandelnde – aber dennoch immer komplizierte und problematische – Repräsentation der indigenen Völker Amerikas in Hollywood. Während sich Chris Eyres Smoke Signals (1998) eines großen Publikums erfreute, bleiben andere talentierte Ureinwohner und First-Nation-Filmemacher unbeachtet. Young erwähnt Zacharias Kunuks Atanarjuat: The Fast Runner (2001), Georgina Lightnings Older Than America (2008), Neil Diamonds Reel Injun (2009), Jeff Barnabys Rhymes for Young Ghouls (2013) und Sterlin Harjos This May Be the Last Time (2014). Mekko (2015) ist der dritte narrative Film von Harjo, der Seminole und Muskogee ist und in Oklahoma lebt. Der Film erzählt eine gewaltige Geschichte einer unvollständigen Erlösung. Rod Rondeaux, ein Stuntman und ehemaliger Rodeo-Star, spielt Mekko, der nach einer 19-jährigen Haftstrafe wegen Mordes ein isoliertes Leben führt. Von seiner Familie verstoßen wandert Mekko durch Tulsa und verbündet sich mit einem alten Kumpel, Bunnie (Wotko Long), einem „Straßenhäuptling“, der einer Gemeinde von obdachlosen Indianern vorsteht und ihn in die Gruppe aufnimmt. Zahn McClarnon, der in der TV-Serie Fargo zu sehen war, spielt Bill, einen obdachlosen Mann mit düsterem Blick. Für Mekko scheint Bill ein „Estekini“ zu sein, was das Wort der Creeks für eine Hexe ist, die viele verschiedene Formen annehmen kann. Der Film ist einfach, aber wunderschön gedreht, zuweilen brutal und vermischt Dokumentarstil in Farbe mit poetischen Zwischenspielen in Schwarz-Weiß. Die bleifördernde Bergbaugemeinde aus Mekkos Kindheit, heute durch Wasserkontaminierung zur Geisterstadt verkommen, erscheint als Erinnerung. Das Hier und Jetzt besteht aus Suppenküchen und durchzechten Nächten. Die Musik von Ryan Beveridge beinhaltet unter anderem einen Stammesgesang in einer Bar, traditionelle Trommeln eines Straßenmusikers und eine klagende Creek-Hymne. Harjos Themen von Verlust, Marginalisierung und Zwangsumsiedlung werden schlicht dargestellt und schweben einem noch lange nach Ende des Films im Kopf umher.

 
BESUCHEN

Ein Schrein für Schnappschüsse, festgehaltene Momente und Erinnerungsstücke aus Papier in einem ehemaligen Königreich

Während Marrakeschs Bahia-Palast und der Jardin Majorelle verdienterweise gut besuchte Attraktionen sind, ist La Maison de la Photographie ein ruhigeres, aber nicht weniger elektrisierendes Erlebnis. Das in einem renovierten marokkanischen Riad in Medina untergebrachte Museum bietet Einblicke in die jüngere Geschichte dieser antiken Stadt. Über 8.000 Originalfotografien, die zwischen 1870 und 1950 aufgenommen wurden, enthüllen den Rhythmus und die Traditionen der Berber-Kultur sowie das Flair des Straßenlebens: das Apothekenschild auf der Ecke des Jemaa el-Fnaa Platzes, Gerber und noch nicht gegerbte Tiere, Kinder, die einen verzierten Brunnen bedienen. Die Sammlung zeigt Arbeiten von Jean Besancenot, Pierre Boucher, Joseph Bouhsira (der eines der ersten Fotostudios der Stadt im jüdischen Viertel eröffnete), Félix (Nom de Pellicule von Fernand Bidon), Marcelin Flandrin und George Washington Wilson sowie andere dokumentarische Kuriositäten, wie einen Fund alter Postkarten und Daniel Chicaults Farbfilm High Atlas aus dem Jahre 1950. Nachdem Sie die Sepiafarben aufgesogen haben, lockt die Dachterrasse mit duftendem Pfefferminztee und einer spektakulären Aussicht über die schattigen Dächer des modernen Marrakeschs. Es lohnt sich übrigens, die Eintrittskarte des Museums zu behalten, denn damit können Sie auch die Mouassine-Moschee besichtigen, ein Almohaden-Wunderwerk aus dem 17. Jahrhundert mit einem wundervollen Springbrunnen.

 
THE PARIS REVIEW

Aus dem Archiv: eine beunruhigende Entdeckung der Zeitlichkeit und des Kunstgriffs

Michael McGuire, Dramatiker und Autor der Geschichtensammlung The Ice Forest (1990), schreibt häufig über Grenzbereiche, wie das amerikanische Grenzgebiet oder das schattenhafte und nicht vertrauenswürdige Reich der Erinnerungen. Laut seiner Biografie, die in einer Publikation erschienen ist, „wurde Michael McGuire geboren und wuchs auf; er lebt in oder in der Nähe von; ist mal hier mal dort; sein Hund ist undefinierbar, sein Pferd tot“. „Last Words“, eine Geschichte, die 1976 in The Paris Review erschien, beginnt im American Museum of Natural History in New York City – eine geeignete Kulisse für eine Handlung, die theatralisch und gleichzeitig ruhig ist. Sie ist in Monologform gehalten und handelt von einem Mann, der von aufdringlichen Erinnerungen und ungewöhnlicher Reue geplagt wird. Der Erzähler ist besessen vom Vergehen der Zeit, sinnträchtig veranschaulicht durch die Dioramen vor ihm, „die staublosen, stillen Truhen“. Es macht ihn glücklich, „natürliche Momente ... eingefangen, festgehalten, vielleicht für immer“ zu entdecken. Es gefällt ihm, „dass etwas konserviert worden ist“. Wie bei J.D. Salingers Protagonisten Holden Caulfield in Der Fänger im Roggen ist die Stagnation der im Museum stehenden Exponate ein seelischer Rückzugsort. Dennoch kommt McGuires Erzähler nicht umhin, die Tricks hinter diesen Exponaten zu bemerken: „[...] das ausgestopfte Raubtier schlitzt theatralisch einer kleineren Kreatur den Bauch auf ... sie (das Opfer) ist gehäutet, der kleine Schädel eingeschlagen, die Muskeln aus Flügeln und Beinen entfernt. Dann wird sie wieder zusammengenäht über Basalholz und Draht [...]“. Das ausgestopfte Raubtier wird zum Opfer des Taxidermisten und der Erzähler findet sich selbst verkrüppelt von dem Bewusstsein seines Selbst. Er wünscht, dass seine Anwesenheit in diesem unveränderlichen Schrein, errichtet für den großartigen Schwung der Evolution, wirklich flüchtig sein könnte: „Ich nehme meine Finger vom Glas. Ich mag die glatte Oberfläche nicht. Ich bereue es, meine Spuren dort hinterlassen zu haben, wo sie nicht hingehören.“

 
ESSEN

Ernährungsgewohnheiten aus vergangenen Jahrtausenden neu interpretieren

Vor dem Aufkommen der Landwirtschaft vor etwa 10.000 Jahren aßen Menschen das, was sie gefangen oder gesammelt hatten. Nomadische Jäger und Sammler, wie die Tsimané, die arktischen Uniu oder die Hadza, ernähren sich heute immer noch so und Forscher haben herausgefunden, dass in diesen Gruppen Bluthochdruck und Herzkrankheiten seltener auftreten, als bei dem Rest von uns. Die Idee, dass es uns mit einer Steinzeit-Diät vielleicht besser ginge, hat zum Paleo-Hype geführt, der verrückt nach Fleisch und kritisch gegenüber Süßwaren ist. Dennoch wenden einige Paläontologen und Anthropologen ein, dass eine auf Fleisch basierende Ernährung nur auf der falschen Auffassung der alten Essgewohnheiten beruht. Was unumstritten ist: Unsere Vorfahren aßen große Mengen an Kreuzblütlern und es würde uns allen gut tun, wenn auch wir unseren Konsum davon steigern würden. Eine wunderbare Darbietung der Rohkost findet man bei Elizabeth's Gone Raw in Washington D.C. in einem eleganten Stadthaus im Föderal-Stil, das nur einmal in der Woche, am Freitagabend, mit einem Degustationsmenü zum Festpreis die Türen öffnet. „Knochenmark“ aus jungem Kokosfleisch, „Ravioli“ aus hauchdünn geschnittenen Apfelscheiben und Rüben, die ein zartes Macadamianuss-Kompott umhüllen, sowie ein „Risotto“ aus grünen Papayas und Morellen sind nur einige der Kreationen der Restaurantgründerin Elizabeth Petty. Petty wurde 2009, nachdem bei ihr Brustkrebs diagnostiziert worden war, zum Rohkostfanatiker und hat neben Chemotherapie und Masektomie alles, was sie isst und serviert, radikal geändert. Ihre saisonale Karte bietet seit Kurzem auch eine erfrischende Suppe aus Honigmelone, Gurke und Knoblauchblüten, einen reichhaltigen Kichererbsenkuchen mit roten Linsen, Chiliöl und Pfifferlingen sowie weißes Süßkartoffeleis mit pochierten Aprikosen und geräuchertem Lavendel zum Abschluss.

 
LESEN

Scharfsinnige Sichtweisen auf die globale Erwärmung von denen, die hautnah mit ihren Auswirkungen leben

Gleb Raygorodetskys Archipelago of Hope handelt von dem, was sicherlich die weitreichendste Konsequenz der menschlichen Evolution ist: dem Klimawandel. Sein Werk gibt die Erlebnisse der indigenen Völker mit diesem aus erster Hand wieder. Das Buch ist kein technikverweigerndes Klagelied, es glänzt vielmehr mit einer Menge Scharfsinn sowie mit einem tiefen und beständigen Respekt für das Land und seine Geheimnisse. Seit 20 Jahren besucht Raygorodetsky, der Umweltschützer an der Columbia Universität in British Columbia ist, Gemeinden auf der ganzen Welt, in denen noch die Ureinwohner des Landes leben. Archipelago of Hope erzählt die Geschichten und Beobachtungen der Menschen, denen er in Kanada, Ecuador, Finnland, Russland und Thailand begegnet ist. In den abgelegenen, spärlich besiedelten Gebieten, die mehr als ein Fünftel der Erdoberfläche einnehmen, stellen die indigenen Völker den Großteil der Bevölkerung. Die Begegnungen mit den ökologischen Widrigkeiten hat sie zu talentierten und eifrigen (und auch manchmal bedrohten) Beobachtern der Veränderung gemacht. Auf der Halbinsel Yamal in Sibirien, zum Beispiel, standen Rentierherden bei der Planung einer Pipeline im Weg, die das Migrationsmuster der Tiere gestört hätte. Eine Lösung wurde mit einer erhobenen Pipeline gefunden, die den Rentieren erlaubte, unter ihr her zu laufen. Das Wort „Hope“ (dt. Hoffnung) in Raygorodetskys Buchtitel verweist auf all die überlieferten Weisheiten, den Aktivismus und den gesunden Menschenverstand, dem er begegnet ist. „Alle indigenen Völker, die in dem Buch erwähnt werden, sind sich ganz genau über das Netz an Beziehungen, das sie und ihr traditionelles Territorium aufrechterhält, bewusst“, erzählt der Autor Orion. „Die Interdependenz zwischen belebt und unbelebt, spirituell und physisch, Vergangenheit und Zukunft und traditionellem Wissen und Wissenschaft sind von fundamentaler Bedeutung, wenn es darum geht, die biokulturelle Vielfalt unseres Planeten zu erhalten.“

 
MENSCHEN

Eine neue Art zu sehen: Vergängliche Natur trifft auf bunte, virtuelle Realität

Rachel Rossin ist Malerin und autodidaktische Programmiererin. Ihre Kunst, die ein Spagat zwischen Oculus Rift und Ölgemälden ist, untersucht, was geschieht, wenn die reale und die digitale Welt miteinander verschmelzen und die Grenzen verwischen. Für ihre „Stillleben“ setzt Rossin eine Vermessungs-Software ein, um 3D-Scans von Innenräumen, wie ihrem Schlafzimmer oder ihrem Studio einzufangen. Sie vermischt einzelne Stücke der Scans mit einer Software zur Erstellung von 3D-Spielen und macht diese verzerrten Szenen dann zu den Motiven ihrer Ölgemälde. Das Ergebnis ist eine physische Welt, die bizarr, verdreht und entopisch wirkt. Licht scheint sich zu wölben und zu dehnen, die Schwerkraft wird schwerer. Der Begriff „lossy“ (dt. verlustbehaftet), der auch Rossins Ausstellung im Jahr 2015 ihren Namen gab, beschreibt einen Algorithmus zur Komprimierung (zum Beispiel von JPG- und MP3-Dateien), der die Dateigröße reduziert und digitalen Platz schafft, allerdings zu einem Preis: Die Dateien büßen an Qualität ein, weil weniger wichtige Daten über Bord geworfen werden. Rossins Titel impliziert, dass unsere digitale und unsere reale Welt miteinander verschmelzen und verwischen und es eine korrespondierende Kapazität für Verschwinden und Degradierung gibt. Auch Giorgio de Chirico und Yves Tanguy fallen einem da ein, aber Rossins surrealistisches Werk ist nicht derivativ. Ihre räumliche Logik fühlt sich sehr frisch an. Sie weitet die Grenze jenseits von Film und Fotografie, ganz alleine in einer VR-Kammer.

 
BESUCHEN

Ein umfassendes zeitgenössisches Theater-Erlebnis, das den historischen Akt des Umsturzes ehrt

Das Thema des diesjährigen Ultima Festival in Oslo ist Migration und Fluss. Das Programm zeigt verschiedene Künstler und Performer, inklusive Laurie Anderson, Cikada, Tan Dun, Beatriz Ferreyra, Marlene Freitas, Mouse on Mars und William Kentridge. In einem gemeinsamen Projekt zeigen das Festival und das international renommierte Black Box Theater Mitra, bei der Musical-Theater, Dokumentarkino und Installation für einen hoch innovativen Effekt miteinander vermischt werden. Inszeniert zu der Musik der österreichischen Komponistin, Geigerin und Flötistin Eva Reiter erzählt das Stück die Geschichte von Mitra Kadivar, einer Psychoanalytikerin aus Teheran, die es wagte, bestimmte, medizinisch unhaltbare, aber politisch unantastbare Praktiken des iranischen psychiatrischen Systems zu kritisieren. Die Aufführung, die am 22. September stattfindet, und bei der auch der amerikanische Sopransänger Claron McFadden zu hören sein wird, ist ein eigenartiges, Genre-vermischendes, beschreibungsverweigerndes Erlebnis, das, obwohl es in einer Psychiatrie spielt, ein Gefühl von Freiheit vermittelt.

 

 

Illustrationen von Audrey Helen Weber

'All evolution in thought and conduct must at first appear as heresy and misconduct.'

George Bernard Shaw