Das Kompendium

September 2017

Behaglichkeit kann wärmen – man nehme den ‚comforter‘ oder ‚Seelentröster‘, der amerikanische Begriff für Bettzeug aus der Familie der Zudecken – oder sie kann kühl sein, das heißt kümmerlich, oder noch schlimmer, wie in Der Widerspenstigen Zähmung, wenn Grumio zu seinem Mitbedienstetem spricht: ‘But wilt thou make a / fire, or shall I complain on thee to our mistress, / whose hand, she being now at hand, thou shalt soon / feel, to thy cold comfort, for being slow in thy hot office?’ (‘Aber willst du Feuer anmachen? Oder soll ich Klage über dich bei unsrer Frau führen, deren Hand [denn sie ist hier gleich bei der Hand] du bald fühlen wirst, als einen kalten Trost dafür, daß du langsam bist in deinem heißen Dienst?’) Dann ist da noch das Gefühl der unmittelbaren Freude über ein Leibgericht – wer könnte bei, sagen wir, Kartoffelpüree mit Schnittlauch, Sahne und Butter widerstehen? Und müsste den Genuss wahrscheinlich dennoch ein paar Tage später bereuen, wenn es heißt, in eine frisch gewaschene Jeanshose zu steigen. So kann zu viel der Behaglichkeit für zu lange Zeit den Zenit der Bequemlichkeit überschreiten.

Black and white illustration of two figures on one skateboard

MENSCHEN

Wir sind eine Familie: Jeffrey Cheung und Unity Press

 

Wenn Jeffrey Chung nicht gerade diesen Teil unseres Kompendiums mit seinen wunderbaren Bleistift- und Tintenzeichnungen ziert, oder an einem bis drei Zines gleichzeitig arbeitet, widmet er einen Großteil seiner Energie der Unity, einer radikal schrägen Skateboardfirma, die er Anfang dieses Jahres gegründet hat. In seinem Studio im Westen von Oakland malt Cheung sinnliche, vom Stil an Picasso erinnernde Akte in gewagten Posen, untertitelt mit den Worten ‘like it or not!’ (lieb’s oder lass es bleiben). Seit Jay Adams und die Z-Boys in den 1970ern das Skateboarden aus seinen dressurähnlichen, engen Schranken gehoben und zu etwas gemacht haben, dass einem Jazz-Solo auf Rollen nahekommt, hat sich dieser Sport zu einer Gegenkultur entwickelt, dessen Akteure für ihren unabhängigen Geist bekannt sind. Cheng hofft diesem mit seiner Initiative ein Maß an Teamgeist hinzuzufügen, indem er Mittel für Skater schafft, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Ethnie oder ihrer sexuellen Identität angefeindet werden. ‚Ich hoffe, dass das Projekt durch seine Ganzheitlichkeit als Idee mehr sein kann als einfach eine queere Skate-Marke – und dass es uns gelingt, gemeinsam Grenzen einzureißen‘, so Cheung während eines Interviews. Seine Boards sind jedenfalls so schön, dass es ein bisschen schmerzt, wenn man sich vorstellt, wie die nackten Leiber darauf – in ihren freudvollen Posen – an einem Bordstein, einem steilen Geländer oder am Beckenrand eines leeren Swimmingpools verschrammt werden.

Black and white illustration of a human coil

ANHÖREN

Klänge des Beistands: Beyond Words

Ganz gleich, ob der Singsang von Bobby McFerrins ‘Don’t Worry, Be Happy’ Sie beruhigt, beflügelt oder Sie in eine unaufhaltsame Raserei versetzt, in der Sie verzweifelt versuchen, den Knopf zum Ausschalten zu erreichen – Sie können sich sicher sein, dass Sie in dem Album des Jazz-Sängers Beyond Words von 2002 ein Gefühl von Beistand und Glück finden werden. Die 16 Titel reichen von spirituell eingefärbten Stücken wie ‘Invocation’ und ‘Monks / The Shepherd’ zu schnelleren, heiteren Kompositionen wie ‘Kalimba Suite’, ‘Fertile Field’ und ‘Dervishes’. McFerrins Werk ist die personifizierte Virtuosität – er singt Melodie, Harmonie und Arpeggio zugleich, springt über mehrere Oktaven, ohne auch nur Luft holen zu müssen, lässt stolz schreitende Scat-Gesänge und polyphone Obertöne hören und ahmt glaubhaft eine elektrische Gitarre nach. Seine frühen Coverversionen von James Brown, Smokey Robinson und Lennon und McCartney sind geschickt; aber mit Beyond Words hat McFerrin sich als unabhängiger Künstler etabliert. Wie eine Kritik der Jazz Times es formulierte, ‘Nachdem ich über Jahre hinweg alles von Nat Cole bis Holly Cole mitgemacht habe, hat Beyond Words einen Akkord in mir angeschlagen, den nur wenige Scheiben jemals erreicht haben. Um es kurz zu fassen, ich wollte in dieses Album hineinkriechen und darin leben.’

 

 

KINO

Von heilsamer Güte: Nise, the Heart of Madness

‘Ich glaube nicht an eine Heilung durch Gewalt’, sagt Nise da Silveira, eine Psychiaterin und Schülerin Carl Jungs, zu ihren Kollegen in einer psychiatrischen Klinik in der Nähe von Rio de Janeiro, in Roberto Berliners bewegendem Drama Nise: the Heart of Madness (2015). Es ist das Jahr 1944 und Dr. Silveira ist soeben der Belegschaft beigetreten. Sie ist von den brutalen ‘Therapie’-Methoden jener Zeit schockiert – Lobotomien, Elektroschocks für jeden, ohne Unterschied – alles in einer Art und einem Maß, sodass sie den ohnehin genug geplagten Schizophrenen und anderen Patienten mit ernstlichen geistigen Leiden keine Hilfe sind. Ihre Vorgesetzten, die ihre Haltung missbilligen, gehen gegen sie vor, indem sie ihr haufenweise sinnlose Beschäftigungen auftragen, die sie wiederum in ein Programm aus Malerei, Musik und frei gestalteter Zeit umwandelt. Manche ihrer Patienten zeigen echtes Talent, doch darum geht es eigentlich nicht: Dieser ruhige Film verleiht einer Reihe schwerer Krankheiten Würde. ‘Unser Job ist es Patienten zu heilen, nicht zu trösten’, sagt einer von Silveiras Kollegen. ‘Mein Werkzeug ist der Pinsel’, antwortet sie. ‘Ihres der Eispickel.’

 

 

LESEN

Erlesene experimentelle Verse: Fossil Sky

David Hinton hat das Daodejing und Mengzi übersetzt. Seine Übertragungen alter chinesischer Lyrik brachten ihm 2003 ein Guggenheim Stipendium ein. 2004 veröffentlichte er ein eigenes Prosagedicht: Fossil Sky, ein langes, korkenzieherförmiges Band aus Versen, das sich wie eine Karte entfaltet und von einem ‘Jahr voll Wanderungen’ in der Nähe von Hintons Heimat in Vermont inspiriert ist. Man kann es aus jedem Winkel zu lesen beginnen; das bedeutet, es gibt keine falsche Herangehensweise, das sprachliche Sammelsurium des Dichters zu ergründen – ein befreiendes Gefühl angesichts des manchmal kleinlichen Milieus rund um die experimentelle Lyrik. ‘Perhaps I should have stayed home’ (‘Vielleicht hätte ich zuhause bleiben sollen’), schreibt er. Dort gibt es ‘a roof a family a fire / But there are other forms of shelter: Boundless sky cocoon light whisper snow.’ (‘ein Dach eine Familie ein Feuer / Doch da ist noch eine andere Zuflucht: Unendlicher Himmel Kokon Licht Geflüster Schnee.’)

 

 

INTERVIEW

Einem brennenden Herzen auf der Spur / Wir folgen einem brennenden Herzen: Jack Gilbert in The Paris Review

‘I dream of lost vocabularies’, schrieb der Dichter Jack Gilbert (1924 – 2012) in ‘The Forgotten Dialect of the Heart‘. Der Reichtum der Sprache faszinierte ihn ebenso wie ihre Begrenztheit, besonders in Bezug auf Frauen und Herzensdinge. Nachdem er in Pittsburgh von der Schule flog, verdingte er sich als Hausierer und Kammerjäger, bevor ein Verwaltungsfehler ihm bei der Zulassung an der University of Pittsburgh verhalf, wo er unter Gerald Stern begann Lyrik zu studieren und zu schreiben. Nach seinem Abschluss reiste er nach Italien, wo er sich in Gianna Gelmetti verliebte, jedoch ohne sie in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, um sich später gemeinsam mit seiner Dichterkollegin Linda Gregg auf die griechischen Inseln davon zu machen. ‚Das einzige, das Jack je interessiert hat, war wach zu sein‘, erzählte Gregg The Paris Review 2005. ‘Dass die blühenden Bäume Mandelbäume waren – und die Straße herunter zu gehen, um etwas zu frühstücken.‘ Seine dritte große Liebe, Michiko Nogami, war eine 21 Jahre jüngere Bildhauerin, mit der er nach Japan zog. 1982 starb Nogami an Krebs; Gilbert schrieb das Chapbook, einen Text in der Art eines englischen Volksbuchs, mit dem Titel Kochan ihr zu Ehren und eingedenk. ‘By insisting on love we spoil it’ (‘Wenn wir auf der Lieber beharren, verderben wir sie’), lautet eine Zeile seines Gedichts Tear It Down. ‘We must unlearn the constellations to see the stars.’ (‘Wir müssen die Konstellationen vergessen, um die Sterne zu sehen.’)

 

 

AUFSUCHEN

Ein Treffen zweier Meister im Rodin Museum

Der deutsche Künstler Anselm Kiefer ist dafür berühmt, der Vergangenheit sehr stark verbunden zu sein. Die Kabbala, die Gedichte Paul Celans, die Namen und Handschriften bekannter historischer Gestalten, die Schrecken des Holocaust und die Skulpturen Auguste Rodins haben allesamt Kiefers Arbeiten in Stroh, Asche, Blei, Schellack und Ton inspiriert. Anlässlich des 100. Todestages Rodins hat das Rodin Museum in Paris Anselm Kiefer damit beauftragt, den Haupt-Ausstellungssaal mit seinen wilden, aufwühlenden Werken zu übernehmen. Ein solcher Blankoscheck ist außergewöhnlich für einen noch lebenden Künstler. Und es gibt noch etwas: eine nie zuvor ausgestellte Gipsskulptur von Rodin, Absolution (1900), die kürzlich von Restauratoren wiederhergestellt worden ist und aus drei Elementen besteht – einem Torso, einem Kopf und einem Sockel – zwei Meter hoch und in sanften Stoff gehüllt; eine zerbrechliche Reliquie, die Kiefers Experimente vorwegnimmt. Die Ausstellung läuft bis zum 22. Oktober.

 

 

ESSEN

Elementare Genüsse bei Pasture in Auckland

Pasture, letztes Jahr in Parnell, einem Vorort von Auckland, eröffnet, ist ein Restaurant ganz im Sinne des sui generis, das Behaglichkeit mit avantgardistischen Ambitionen verbindet. Im Speiseraum, der 25 Sitzplätze umfasst, wird ein prix fixe Menü aus sechs Gängen serviert, Saison für Saison zusammengestellt aus allem, was in der Umgebung gedeiht. Chefkoch Ed Verner und seine Frau Laura haben beide im Kadeau in Kopenhagen, das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist, gearbeitet. Die Kreationen, die sie hier anbieten, sind gleichermaßen schlicht und extravagant, dank des kundigen Umgangs mit Pflanzen: Manuka, Callistemon, Fichtennadeln, Holzapfel, Zwiebelblüten, Sauerklee, Ginsterblatt, Kawakawablätter, Heu und Zitronenduft-Pelargonie, die Ed Verner verschiedentlich zerkleinert, fermentiert, lufttrocknet – und gelegentlich in die Räucherschale über dem offenen Herdfeuer in der Küche streut, wodurch er eine Art essbares Räucherwerk herstellt. Lassen Sie sich das Bio-Sauerteigbrot der Verners, gebacken aus handgemahlenen Mehlsorten und mit Büffel-Butter bestrichen, nicht entgehen. ‘Bei uns gelten keine Regeln – für fast alles, außer für Brot‘, heißt es auf ihrer Internetseite. ‘Unsere Laibe sind nach alter Tradition gebacken und wir sind stolz darauf.’

 

 

ENTDECKEN

Bücher für das Überleben, dank der Long Now Foundatio

Die Long Now Foundation wurde 1996 gegründet, um gegen die steigende Tendenz anzugehen, ‘dass sich die Gesellschaft in eine pathologisch kurze Aufmerksamkeitsspanne hineinmanövriert’, und zwar durch immer schnellere Technologien, einen wechselhaften Aktienmarkt, ‘der bis-zur-nächsten-Wahl Ausrichtung der Demokratien’ und fortwährendes Multitasking. Die Projekte von Long Now erinnern ein wenig an Stonehenge, wie etwa Daniel Hillis große mechanische Uhr: Im Bau monumentalen Maßstabes in den Bergen der Sierra Diablo in West Texas gelegen und ‘angetrieben von den wechselnden Temperaturen zwischen den Jahreszeiten. Sie tickt einmal im Jahr, schlägt jedes Jahrhundert und der Kuckuck schaut zu jedem Millennium einmal hervor.’ Long Now stellen außerdem eine ‘living library’, oder lebendige Bibliothek, aus 3500 Bänden bereit, die dabei helfen soll, die Gesellschaft neu aufzubauen, sollte dies notwendig sein – und um in der Zwischenzeit Diskussionen rund um die kulturelle Evolution zu beflügeln. Sie enthält Empfehlungen des Musikers Brian Eno (Contingency, Irony and Solidarity von Richard Rorty) und der Sexualforscherin Violet Blue (erotische Kurzgeschichten von Boccaccio, Jean Cocteau, Erica Jong, Henry Miller; Anaïs Nin und Oscar Wilde). Die zuletzt genannten sind wohl wie ein wärmendes Feuer in der Nacht – aber wird es auch in ferner Zukunft noch glimmen?

 

 

Illustrations by Jeffrey Cheung

‘What we hope ever to do with ease, we must learn first to do with diligence.’

Samuel Johnson