Das Kompendium

März 2018

Einer intelligenten Frau kann man verzeihen, wenn sie genug von den tumben Ungerechtigkeiten hat, die ihre lebenslangen Mühen in Abrede stellen. Letztes Jahr ergab eine Umfrage unter australischen Firmen, dass es allein mehr Unternehmenschefs namens John, David oder Peter gibt, als überhaupt weibliche CEOs vertreten sind. Wenn der Fortschritt offenbar ins Stocken geraten ist, richten wir den Blick auf die mitreißenden Beispiele von Frauen, die für das Gute kämpfen: auf die Verfechterin für Bildung in Pakistan und Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai, oder die chinesische Aktivistin und Filmemacherin Nanfu Wang. Wir wenden uns auch der Pionierarbeit anderer Frauen zu wie der surrealistischen Künstlerin Meret Oppenheim und der Dokumentaristin Alanis Obomsawin. Alice Walker bemerkte, dass ‘die meisten Menschen ihre Macht aufgeben, indem sie denken, sie hätten keine’  – so wollen wir unsere eigene Kraft und Stärke nicht vergessen.

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AUFSUCHEN

Ein bleibendes Vermächtnis spielerischer Provokation

‘Nicht ich habe nach den Surrealisten gesucht’, so Meret Oppenheim (1913–1985), ‘[sondern] die Surrealisten haben mich gefunden.’ 1932, als Studierende an der Académie de la Grande Chaumière, stieß sie schnell auf Picasso, Giacometti und Man Ray (für den sie nackt Modell stand), und fertigte bald hinreißende Objekte an wie Das Paar – ein Paar Stiefel, das an den Zehen miteinander verbunden ist – und es entwickelte sich eine Zusammenarbeit mit Elsa Schiaparelli, aus der wunderbare Handschuhe mit knochigen Vorsprüngen, Goldklauen und sogar Venen hervorgingen. (‘Der Surrealismus’, schrieb André Breton im Manifest des Surrealismus, ‘schmiegt sich wie ein Handschuh um deine Hand’.) Oppenheim wurde in Berlin geboren und ihre feinen, eigenwilligen Hände wurden ihr quasi in die Wiege gelegt: Ihre Großmutter war eine gefeierte Kinderbuch-Illustratorin, deren Zeichnungen lächelnde, anthropomorphe Bäume zeigten. Dazu die Umarmung des Unbewussten von Seiten der Surrealisten und der Einfluss der Jungschen Psychologie – in der sie sich gut auskannte – da ist es kaum überraschend, dass Oppenheims Ansatz zur Bewegung spielerisch und unabhängig war, und den Kapriolen des Dadaismus verbunden. Kritiker, die ihre frühen Arbeiten sahen, dachten, sie sei ein Mann; sie selbst hielt den menschlichen Geist ohnehin für androgyn. Bis zum 12. August 2018 zeigt das Espoo Museum of Modern Art in Finnland eine Retrospektive ihrer Werke, ergänzt um Fotografien und Portraits der Künstlerin und einer Auswahl von Arbeiten ihrer zeitgenössischen Kollegen inklusive Man Ray und Daniel Spoerri.

 

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ANHÖREN

Eine sensationell sinnliche Stimme zum Neu-Entdecken

Betty Davis, mit Mädchennamen Mabry, wurde 1945 geboren, und ihr Name fällt oft in einem Atemzug mit den berühmten Musikern, mit denen sie zusammengearbeitet hat, befreundet oder verheiratet war: Jimi Hendrix, Sly Stone, Hugh Masekela, Miles Davis. Aber sie selbst besaß herausragendes Talent und einen ganz eigenen Klang – funky, groovy, sexy, voller R&B, mit einer starken Stimme vorgetragen, die von heiserem Flüstern bis hin zu Heulen reicht. Trotz zweier vielversprechender früher Studioalben konnte ihr drittes, Nasty Gal (1975), das von einem großen Label unterstützt wurde, keinen kommerziellen Erfolg verzeichnen. Die Welt war für die abwechslungsreiche Form der Sexualität, die sie ausstrahlte und lebte, noch nicht bereit. ‘Fräulein Davis versucht uns etwas Wahres und Grundlegendes über unsere irrationalen Bedürfnisse mitzuteilen’, schrieb die New York Times ein Jahr vor dem Erscheinen ihres Albums. ‘Die westliche Welt belohnt jedoch am meisten Konformität und Rationalität und erkennt die Bessies und Bettys unserer Zeit überhaupt nicht an, bis sie weg sind.’ Davis war eine Wegbereiterin, die eine ganze Schar von Künstlerinnen vorwegnahm und in vielerlei Hinsicht beeinflusste, darunter zeitgenössische Künstlerinnen wie Grace Jones, Erykah Badu und SATE (Saidah Baba Talibah). Nasty Gal wurde vor Kurzem von Light in the Attic neu herausgebracht, und diese betörenden Lieder verzaubern den Hörer. ‘You and I’, arrangiert von Gil Evans, ist eine Ballade über verlorene Liebe, die Davis gemeinsam mit ihrem Ex-Ehemann Miles geschrieben hat. Er spielt ein wunderbares Trompetensolo zu ihrem klagenden Schrei. Prince sagte über Davis’ Musik: ‘Das ist es, wonach wir streben.’

 

 

 
ENTDECKEN

Über das Altern von Frauen: stürmische Gefühle und wildes Waldblut

Die Dichterin, Kurzgeschichten-Autorin und Essayistin Mary Ruefle hat eine Gabe, besondere Übergangsphasen literarisch einzufangen, die einen quälend erwachen lassen, und man fragt sich, was mit dem Leben passiert ist, das man früher kannte. In dem wunderbaren Aufsatz ‘Pause’, der 2015 im Magazin Granta erschienen ist, erkundet sie das innere und äußere Selbst während der Menopause. Ruefle steigt mit einem ziemlich bedauernden Tonfall über das Altern ein, schreibt über die stürmischen Gefühle, welche die Menopause mit sich bringt, ähnlich jenen der Pubertät, nur ohne Eltern und Lehrer, die einen versuchen im Zaum zu halten. Und wie sie betont, während wir dazu neigen, diese Übergangszeit als Ereignis zu sehen, handelt es sich dabei eher um eine unvorhergesehene Art der Entfaltung. “Sie können sich entscheiden, eine wahnsinnige und hoffnungslose Sache anzunehmen. Sie können beschließen, nach Kanada zu gehen, oder es ist höchste Zeit, dass Sie anfangen, altes blaues Porzellan zu sammeln, von dem Sie dreitausend Stück bankrott machen werden. Plötzlich besteht die Lösung aller Probleme darin, die goldene Uhr ihrer Großmutter zu verkaufen oder ihr Körpergewicht in Apfelessig zu trinken. In Ihren Adern fließt eine Art wildes Waldblut.’ Dieses Waldblut streift unter Umständen ein ganzes Leben voller Selbstbewusstsein ein. ‘Wenn Du jung bist, und dies liest, wirst Du womöglich den Glanz in den Augen der Frauen sehen, die vielleicht 60, 70, 80 oder 90 Jahre alt sind: Sie können Dich nicht Ernst nehmen (Sorry!), weil Du für sie nur ein Mädchen bist, trotz Deiner Babys und Schuhe und Deines Liebeslebens und all dem. Du bist nur ein Mädchen, das Leben spielt.’

 

 

 
KINO

Ein Licht werfen auf Ungerechtigkeit, Dekade um Dekade

We Can't Make the Same Mistake Twice (2016) von Alanis Obomsawin erzählt die Geschichte der First Nations Aktivistin Cindy Blackstock, die die kanadische Regierung verklagt hat, weil sie indigenen Kindern grundlegende soziale Dienste vorenthalten hat. Die Produktionsdauer dieses Dokumentarfilms betrug sechs Jahre. Obomsawins nächste Produktion namens Our People Will Be Healed (2017) war ihr 50. Film, und seine Veröffentlichung fiel zusammen mit dem 85. Geburtstag der Filmemacherin. Es ist eine etwas fröhlichere Geschichte über eine bemerkenswerte Schule im nördlichen Manitoba, die einen stabilen wie originellen Lehrplan kreiert hat, der das Erbe seiner indigenen Schüler zelebriert. Neben den Standardfächern Mathematik und Naturwissenschaften bietet das Helen Betty Osborne Ininiw Education Resource Centre im Norway House Kurse in der Sprache der Cree und Geigenunterricht, bei dem traditionelle Musik gespielt wird. ‘Die Kinder sind dort die Könige’, berichtet Obomsawin Globe and Mail. Der Film endet mit einem Sonnentanz, einem rituellen Gebet, das man selten zu sehen bekommt, und das durch die Unterdrückung seitens der offiziellen Behörden, die bis 1951 anhielt, fast zum Aussterben verdammt wurde. Obomsawins Protagonisten vertrauen darauf, dass diese ihre Erfahrungen mit Würde, Sensibilität und Mitgefühl darstellt. Selbst als Abenaki in New Hampshire geboren und in Quebec aufgewachsen, kennt sie die historischen Altlasten aus eigener Erfahrung, mit denen diese zu kämpfen haben, und verkörpert den Erfolg, den ihre Protagonisten ebenfalls verdienen.

 

 

 
LESEN

Das Plädoyer einer Künstlerin für eine bedrohte Umwelt

Cecilia Vicuña: About to Happen begann im März 2017 als Ausstellung über die Umweltzerstörung an der Mündung des Río Aconcagua, organisiert vom Contemporary Arts Center in New Orleans; sie lebt weiter in einer Monographie in Vollfarbdruck, herausgegeben von Siglio Press. Vicuña ist eine chilenische Dichterin und multidisziplinäre Künstlerin, deren Arbeit beeinflusst wird von der Landschaft und dem Folklore ihrer Heimat. Ihre Skulptur besteht aus gefundenen Materialien, von Strickstoff durchzogen, und ähnelt Quipu, einer jahrtausendealten Knotenschrift, die im Dezimalsystem aufgebaut ist, und mit der Zahlen und denkwürdige Ereignisse erfasst wurden. Die Arbeiten von Vicuña enthalten Elemente von Verfall, Einsamkeit und Exil, und untersuchen die gravierenden Veränderungen durch die Klimaerwärmung. Wasserlieder (Cantos del Agua), eine ‘Klang-Web-Improvisation’, war die Antwort der Künstlerin auf die Privatisierung der Wasserversorgung in Chile. About to Happen enthält einen Essay der Kritikerin Lucy Lippard, die nahelegt, dass Vicuñas Umweltaktivismus und Fokus auf Vertreibung auf ihrer komplizierten Herkunft beruhen. Konzeptionell ambitioniert und fachmännisch hergestellt, reflektiert Vicuñas Praxis ein anhaltendes Interesse daran, was internationale Gemeinschaften ausmacht (und was sie zerreißt). 

 

 

 
ARCHITEKTUR

Design an der Schnittstelle von Mitgefühl, Eleganz und Funktionalität

Die ambitionierten und intelligenten Entwürfe der thailändischen Architektin und lokalen Aktivistin Patama Roonrakwit versuchen, die Lebensumstände für die Ärmsten des Landes zu verbessern. Sie hat Häuser gebaut in den Slums von Bangkok und Unterkünfte für die Einwohner, die 2004 durch den Tsunami heimatlos wurden. Sie nutzt Licht und Winkel anmutig wie einfallsreich, insbesondere bei dem steilen Winkel ihrer leichten Dächer. ‘Die Resozialisierung von Slums, wenn sie sensibel durchgeführt wird, kann den Ansprüchen aller gerecht werden’, berichtete sie einem Journalisten im letzten Jahr. ‘In einem Projekt im Zentrum von Bangkok müssen wir 78 Familien resozialisieren. Also fragte ich sie, was sie sich in ihrem neuen Zuhause wünschten. Während einer besorgt darum war, die Mönche nach buddhistischer Tradition mit Nahrung zu versorgen, fürchtete ein anderer um seinen Grillhähnchen-Stand und seine Kunden.’ Auf dem Min Buri Markt in Ost-Bangkok wurde das, was de facto ein Müllplatz war, in einen Spielplatz verwandelt. Von diesem Punkt aus arbeitete Roonrakwit mit der Gemeinde daran, um eine öffentliche Bibliothek zu bauen. Sie arbeitet nach dem Prinzip der sliding scale, indem sie versucht einen Weg zu finden, ihre Arbeit erschwinglich zu machen, während dieses System ihren Kunden erlaubt, als ‘ihr eigener Katalysator’ zu fungieren. ‘Es gibt immer einen Weg, die finanziellen Mittel zu finden’, sagt sie. ‘Aber wenn man einfach nur nichts tut, dann passiert auch nichts. Und ich werde auch in Naturalien bezahlt, mit den besten Meeresfrüchten überhaupt, weil viele meiner Kunden aus Fischerfamilien stammen.’

 

 

 
HÖREN

Lesungen zum Genießen und ein Juwel von einem Interview

‘The Listening Forest’, die 7. Ausgabe des The Paris Review Podcast, beginnt mit der englischen Schauspielerin Glynis Bell, die aus Denise Levertovs Gedicht ‘Sound of the Axe’ aus dem Jahre 1981 liest, und zwar mit unvergesslichem Timbre. ‘Once a woman went into the woods. / The birds were silent. Why? she said.’ Als nächstes folgt ein Gespräch von George Plimpton mit Eudora Welty, Interviewer und Interviewte sind gleichermaßen umwerfend bezaubernd: ‘We visited, as a Southerner would say, with Eudora Welty in the parlour of her home.’ (Wir besuchten, wie es jemand aus dem Süden ausdrücken würde, Eudora Welty in ihrem Stüberl zuhause.’) Es ist schwer zu sagen, was charmanter ist, Plimptons absurd vornehme Sprechweise oder Weltys gedehnte. Sie erzählt Plimpton, dass sie ein Schild im Garten aufstellen musste, um Autogrammjäger abzuschrecken. Die Menschen in Mississippi waren so aufgeregt über das lokale Nationalheiligtum in ihrer Mitte, dass sie ständig an ihre Tür klopften, und Geschenke mit Obstkonserven oder Bücher zum Signieren mitbrachten. ‘Eine Weile, so habe ich gehört, war ich sogar in einer Liste der Handelskammer unter Kuriositäten verzeichnet.’ Daraufhin lässt Welty eine lustige wie vernichtende Bemerkung über Henry Miller fallen… Der Podcast endet mit Ottessa Moshfegh, die ihre Kurzgeschichte ‘A Dark and Winding Road’ vorliest – eine charakteristischerweise beunruhigende Geschichte von infamen Gelüsten.

 

 

 
POESIE

Produktive Dichterin, Verfechterin für Bildung und allumfassende Feminismus-Pionierin

Die japanische Dichterin Yosano Akiko (1878–1942) wurde in Sakai geboren, wo ihr Vater einen Süßigkeitenladen führte. Schon in jungen Jahren begann sie, ihre Gedichte an das angesehene Literaturmagazin Myojo, einzusenden, in dessen Redakteur Yosano (aka Tekkan) Hiroshi sie sich verliebte. Er ließ sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratete Akiko 1901. Aus dieser Verbindung entstanden nicht nur die 13 Kinder, die Akiko zur Welt brachte, sondern auch 20 Gedichtbände, die sie herausbrachte. Akikos Verse zeugen von einer ruhigen Offenheit, die den Stil eher zeitgenössischer japanischer Dichterinnen wie Kazuko Shiraishi und Hiromi Ito vorwegnimmt. Sie schreibt ergreifend über die unbeständige Glühen der Schönheit. ‘Her hair at twenty / Flowing long and black / Through the teeth of her comb / Oh beautiful spring / Extravagant spring! / My skin is so soft / Fresh from my bath / It pains me to see it covered / By the fabric / Of an everyday world.’ (Auf deutsch: ‘Ihr Haar mit 20 / lang und schwarzfließend / gleitet es durch die Zähne ihres Kamms / Oh wunderschöner Frühling / Extravaganter Frühling! / Meine Haut ist so weich / Frisch nach dem Baden / Es schmerzt mich sie bedeckt zu sehen / von dem Stoff / Des Alltags.’) Ihre Form des Feminismus findet leidenschaftlichen Ausdruck über die Buchseiten hinaus; so sprach sie regelmäßig über die Wichtigkeit von Bildung für Frauen und gründete eine 1923 die Frauenuniversität Bunka Gakuin.

 

 

Illustrationen von Jeffrey Cheung.

‘Any great change must expect opposition, because it shakes the very foundation of privilege.’

Lucretia Mott