Das Kompendium

Juni 2018

Der Begriff ‘Minimalismus’ war ursprünglich als Beleidigung gedacht. Der Kritiker und Philosoph Richard Wollheim, der 1965 über eine neue Gruppe von Künstlern schrieb, zu der auch Dan Flavin und Donald Judd zählten, gebrauchte ihn als Stichelei, um ihnen einen Mangel an Vorstellungskraft zu unterstellen. Natürlich ist die Bedeutung dieses Ausdrucks heute eine völlig andere – kaum abwertend, meistens bewundernd. Eine minimalistische Ästhetik kann aufgrund ihrer rigiden Einfachheit einschüchternd wirken, dennoch entwickelte sich der Minimalismus zu einer Idealvorstellung, der wir in verschiedenen Formen Nahrung geben – denken Sie nur beispielsweise an die kargen, aber einladend gestalteten Inneneinrichtungen von Axel Vervoordt und die weisen Worte in Tanizaki Jun’ichiros Essayband Lob des Schattens.

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KINO

Ein hypnotisierendes Drama von extremer Einfachheit, aber nicht minder beeindruckend

Mit seinen 96 Minuten Länge könnte sich Kaneto Shindō’s Film Die nackte Insel (1960), in schwarz-weiß und gänzlich ohne Dialoge gehalten, hinziehen, das ist aber nicht der Fall; seine fast skelettartige Geschichte und die kahlen Bildaufnahmen sind extrem einnehmend, gar hypnotisch. Die dokumentarisch anmutende Darstellung einer Familie, die täglich von einer winzigen, isolierten Insel im japanischen Archipel Wasser aus einem Brunnen auf einer anderen Insel holen muss, bevor sie umdrehen und zurückrudern kann, ist auf eine fast aggressive Art simpel. Der kompromisslose Fokus auf diesem einfachen Überlebensritus aber hat eine unauslöschliche Wirkung. Shindō, der auch bei den atmosphärischen Horroklassikern Onibaba – Die Töterinnen (1964) und Kuroneko (1968) Regie geführt hat, bietet eine subtile post-apokalyptische Parabel mit Die nackte Insel, der als sein größter internationaler Erfolg hervorsticht. Der karge Boden der Insel mag, oder mag auch nicht, von radioaktivem Abfall kontaminiert sein, aber die Symbolik spricht für sich. Wir sehen der Familie dabei zu, wie sie sich unter dem Gewicht der schweren Wassereimer krümmt; einer ihrer kleinen Jungen stirbt. Die ganze Zeit über werden ihre Bewegungen von einer phänomenal modernistischen Partitur von Hikaru Hayashi begleitet.

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AUFSUCHEN

Kunst aus dem Altertum von unfassbarer Formeneleganz

Falls Sie in Athen sein sollten, nehmen Sie sich die Zeit für das kleine, aber großartige Museum für kykladische Kunst gleich neben dem Syntagma-Platz und im lebhaften, von Bäumen gesäumten Stadtteil Kolonaki gelegen – in dem Sie eine exzellente Sammlung antiker Skulpturen vorfinden werden. Henry Moore lobte die kykladischen Skulpturen für ihre ‘elementare Einfachheit’. (Diese vorzeitliche Aura erweist sich als so wirkmächtig, dass sie bei den Archäologen, die eine dieser Skulpturen in Julio Cortázar’s ‘El ídolo de las Cícladas’ enthüllen, zu Wahnsinn und Blutvergießen führt.) Die geographischen und chronologisch angeordneten Gruppierungen enthüllen einige der (meist weniger grausamen) Gewohnheiten und Praktiken der Bewohner der Kykladen, jener Inselgruppe um die heilige Insel Delos, die vor allem für die Marmorskulpturen bekannt ist, die dort im 3. Jahrhundert vor Christus gefertigt wurden. Andernorts begann Bronze (als Material für Kunst und Werkzeuge) Stein zu verdrängen, aber die kykladische Figuren, Köpfe, Vasen, Schalen und sogenannte ‘Bratpfannen’ (Geschirr von nicht unterscheidbarem Zweck, das eher wie Grillplatten aussieht) in wunderschön durchscheinendem weißem Marmor, haben solche Größen wie Brancusi, Modigliani und Giacometti inspiriert. Eine besonders auffällige Figur ist nur sechs Fuß hoch, sitzt auf einem Hocker und kippt sein Glas zum länglichen, nach hinten geneigten Kopf. Es gibt eine ganze Reihe an weiblichen Figuren mit gefalteten Armen, einige von ihnen nur wenige Zentimeter hoch, andere fast in Lebensgröße. Das Museum beherbergt temporäre Ausstellungen im neoklassischen Stathatos Mansion, einem wunderbaren Beispiel für die Arbeit des bayerischen Architekten Ernst Ziller.

 
ERSCHEINEN

Spiritualität und Avantgarde in herrlicher Harmonie

Geboren in Olean, New York, schrieb der Dichter Robert Lax (1915-2000) Versleitern, schmale Spalten mit schnellen Zeilensprüngen, die auf der Ebene der Silben brechen. Manche seiner Gedichte bestehen aus einzelnen Worten, die die Seite hinunterlaufen. Lax war eng befreundet mit dem Trapistenmönch und Dichter Thomas Merton, der ihn ‘eine Mischung aus Hamlet und [dem Propheten] Elias’ nannte, mit ‘einem Geist voll ungeheurer und subtiler Intuition.’ Gerade hat der Komponist Kile Smith, der aus Philadelphia kommt, ‘The Arc in the Sky’ verfasst, ein Konzert mit Lax’s Gedichten und Artikeln für Fachzeitschriften, in denen das Flüstern der Beat Generation und eine Woge an Verspieltheit zu vernehmen ist. Am 30. Juni feiert es Weltpremiere, aufgeführt vom Chor The Crossing in der Presbyterian Church of Chestnut Hill in Philadelphia. Smith ehrt Lax’s linguistische Disziplin mit reichen, vernünftigen Ruhepausen – dies ist das harmonische Aufeinandertreffen eines Komponisten und eines Dichters, deren Arbeit den Wert der Stille unterstreicht. Wenn Philadelphia als Ziel zu weit entfernt liegt, halten Sie die Augen offen nach den Aufnahmen, die entweder in diesem Jahr oder Anfang von 2019 veröffentlicht werden sollen. WRTI wird außerdem die Premiere im Fernsehen übertragen.

 
LESEN

Diverse Ansichten des Firmaments in einer schmalen, wunderschönen Ausgabe

Vija Celmins wird gefeiert für ihre zarten, aber maßgeblich fotorealistischen Gemälde, Zeichnungen und Drucke, auf denen oftmals der Nachthimmel zu sehen ist. The Stars ist ein Buch, bei dem sie mit dem Essayisten und Übersetzer Eliot Weinberger zusammengearbeitet hat. Gezeigt werden drei ihrer himmlischen Drucke – einer der Drucke wurde inspiriert von der abgenutzten Bindung eines japanischen Buches, ein zweiter ist ein fotografisches Bild des Nachthimmels sowie ein dritter ein Negativ von dem vorigen Motiv, mit dunklen Sternen auf hellem Hintergrund – ergänzt um collagenartige Texte. Beschreibungen der Sterne, gesammelt von Weinberger aus Quellen weltweit, in Englisch, Arabisch, Chinesisch, Hindi, Japanisch und Māori (Te Reo). Das Aussehen der Texte auf der Seite, unterschiedlich ausgefranst, stachelig oder fast wie Hieroglyphen, könnte man meinen, ahmt eine Reihe von Himmelskörpern nach, dicht beisammen oder zerstreut, in dunklen fernen Galaxien oder für das bloße Auge sichtbar; das ist irgendwie karg und episch zugleich. Ein originales limitiertes livre d’artiste (Künstlerbuch) herausgegeben vom Library Council of the Museum of Modern Art, wird für $4500 verkauft – so ziemlich der Preis für einen Couchtisch von Isamu Noguchi – wobei das Paperback (für nur ein Hundertstel des Preises zu haben) ebenfalls wunderschön ist.

 
ENTDECKEN

Gefäße aus dem 20. Jahrhundert von subtiler Raffinesse

Die Keramiken von Lucie Rie (1902–1995) weisen gesprenkelte Glasuren auf, unebene Texturen und sanfte Farben, die ineinander übergehen wie ein Himmel, der mit dem Sonnenaufgang verschmilzt. Ihre hauchzarten Schalen, Urnen, Karaffen, Vasen und anderen Gefäße sind frühe Beispiele eines reduzierten Stils, den wir heutzutage überall sehen; als Pionierin dieses Stils verhalf Rie der Keramikarbeit dazu, als eigenständige Kunstform in Großbritannien anerkannt zu werden. Geboren in Wien, als jüngstes Kind eines weltlichen, wohlhabenden jüdischen Arztes, der regelmäßig mit Sigmund Freud Schach spielte, schrieb sich Rie 1922 an der Wiener Kunstgewerbeschule ein. Sie studierte unter Michael Powolny, einem Modellierer, der ihr beibrachte, wie man Ton auf die Drehscheibe wirft. Sie wurde ebenfalls stark von dem modernistischen Architekten und Designer Josef Hoffmann beeinflusst, und legte ihre frühen Töpferei-Arbeiten seiner strengen Formensprache zugrunde. Ihre vulkanischen, texturierten Glasuren, die zu ihrem Markenzeichen wurden, resultierten aus ihrer höchst aufmerksamen Lektüre der Feinheiten keramischer Chemie. Rie floh 1938 aus Wien und zog nach London. Ihre ersten Becher und Schalen bewegten sich in der reduzierten Farbpalette von beige, weiß und grau; später wandte sie sich auch kräftigeren Farben und metallischem Glanz zu. Ihre Arbeiten bildeten einen starken Kontrast zum vorherrschenden Stil, den Bernard Leach praktizierte. Sie wurde 1968 vom OBE und 1981 vom CBE mit Preisen ausgezeichnet; 1987 war sie eine von vier britischen Keramikkünstlern, die für eine Briefmarken-Gedenkserie ausgewählt wurde. Über die Jahre hieß Rie einen wahren Strom an Besuchern und Studenten in ihrem Atelier in der Nähe des Hyde Park willkommen, wobei sie immer einen selbstgebackenen Kuchen anbot – was ihr herbes mitteleuropäisches Temperament ein wenig abfederte, das manchmal als schroff oder brüsk wahrgenommen wurde.

 
HÖREN

Unvergessliche Arbeiten, die Tradition und Innovation verbinden

Wohin mit der Zither? Bis zu seinem Tod hat der koreanische Komponist und Musiker Hwang Byung-ki versucht, den Ton der Gayageum zu erhalten, einem traditionellen koreanischen Instrument mit 12 (und manchmal auch mehr) Saiten aus Seide und von opulentem Klang. ‘Die Gayageum wird mit den Fingernägeln gespielt und wir halten sie nah am Körper, so wird sie eins mit dem Körper des Musikers,’ erläuterte Hwang. Als dessen wichtigster Vertreter schuf er gleichzeitig ein neues musikalisches Genre, ch’angjak kukak oder ‘neu komponierte traditionelle koreanische Musik’. Mit seinen stimmungsvollen innovativen Ideen und seiner unkonventionellen Technik schaffte Hwang eine Form, die zum einen zur Volksmusik zählt, und zum anderen unvergesslich modern ist. Als Student der frühen 1950er Jahre befürchtete Hwang, dass die meisten musikalischen Klassiker vom Aussterben bedroht waren. Dabei handelte es sich um Volkslieder und eine plätschernde, hinreißende Hofmusik, die während der japanischen Kolonialbesetzung, dem 2. Weltkrieg und dann dem Koreakrieg brachlag. In etwa als Hwang mit dem Studium begann–1959 eröffnete eine Hochschule für Musik den ersten Studiengang für koreanische Musik und kurz darauf verabschiedete die Koreanische Nationalversammlung ein Gesetz zur Förderung koreanischer Kulturgüter. Hwangs Karriere blühte in dieser Umgebung auf. Er trat weiter auf, nahm Studenten an, wurde Musikarchivar, komponierte für Film und Fernsehen, tourte weltweit und begann mit westlicher Notation zu komponieren. ‘Als ich 1950 begann, zu erlernen, wie man die Gayageum spielt,’ erzählte er in einem Interview von 2008, ‘wurden nur etwa ein Dutzend dieser Instrumente pro Jahr verkauft. Heute sind es etwa 10.000.’

 
HÖREN

Geschichten, scharfsichtig erzählt, und Gedichte, die Geist und Verstand aufrütteln

Die 12. Ausgabe des The Paris Review Podcast enthält ‘Bangkok’, eine Geschichte von James Salter, gelesen von Dick Cavett; ‘The End of Summer’, ein Gedicht von Frederick Seidel, das der Autor auch selbst vorträgt; und die lebhafte, melodische Stimme von Jamaica Kincaid, im Gespräch zu hören wie auch in ihrer Kurzgeschichte ‘What I Have Been Doing Lately’, die sie selbst vorliest. Der Podcast endet mit einem weiteren Gedicht, mit Robert Bly’s ‘Choral Stanza 1’, das erstmals im Frühling 1953 in der Erstausgabe von The Paris Review veröffentlicht wurde, und hier in langsamen, ruhigen Kadenzen von der The Paris Review-Autorin Caitlin Youngquist vorgetragen. Eine Arbeit voller biblischer Anspielungen in elegant-schlanken Linien, sie beginnt mit: ‘The dove returns; it found no resting place; / It was in flight all night above the shaken seas; / Beneath ark eaves / The dove shall magnify the tiger’s bed’.

 
MENSCHEN

Eine Künstlerin, die Jahrzehnte auf ihren wohlverdienten Erfolg warten musste

2004, im Alter von 89 Jahren, verkaufte Carmen Herrera ihr erstes Gemälde. 2016 hatte sie eine Einzelausstellung, ‘Lines of Sight’, im New Yorker Whitney Museum of American Art. Welche konspirativen Mächte mögen da gewirkt haben, die für die späte Würdigung ihres Werkes verantwortlich sind? Es war vermutlich einer ganzen Reihe an Dingen geschuldet – Reserviertheit, vielleicht; die dickköpfige Verpflichtung an den Minimalismus zu einer Zeit, als dieser erst von nur wenigen Künstlerinnen praktiziert wurde; ein Mangel angeberischen Gehabes, als die Kunstwelt von Machismo dominiert wurde. 1915 in Havanna geboren, wuchs Herrera unter dem Diktator Gerardo Machado auf und verließ Havanna zunächst, um ihre Schulausbildung in Paris abzuschließen, kehrte aber zurück, um Architektur zu studieren. Sie lernte Jesse Loewenthal, einen amerikanischen Auswanderer kennen, den sie heiratete. Mit ihm zog sie erst nach New York und dann nach Paris, wo Herrera eine produktive Schaffensphase ihrer Malerei erlebte, bei der sie sich auf nur drei Farben und abstrakte Formen beschränkte (Ovale, Rechtecke und Dreiecke in einem größeren Kreis) – inspiriert von Kasimir Malewitsch. Als sie 1950 mit Loewenthal nach New York zurückkehrte, verfeinerte sie ihre Arbeit noch weiter: Schwindelnde Kurven wurden zu geraden Linien. ‘Ich habe noch nie eine gerade Linie getroffen, die ich nicht mochte,’ sagte sie einmal. In einem Interview mit The Guardian wirkt ihre einfache Sprache wie ein Abbild ihrer Malerei. Ihre Berufung, eine Künstlerin zu sein, trotz des extrem langen Wartens auf eine Einzelausstellung oder ein verkauftes Bild, kommentierte sie wie folgt: ‘Ich wusste, es würde ein hartes Leben werden.’

 

 

Illustrationen von Jeffrey Cheung

‘Beauty of style and harmony and grace and good rhythm depend on simplicity.’

Plato