Juli 2019

Das Kompendium

„Wenn wir die ganze Erde als einen großen Tautropfen ansehen, der gestreift und gepunktet ist mit Kontinenten und Inseln, und zusammen mit all den singenden und leuchtenden Sternen durch das Weltall fliegt, erscheint das ganze Universum als ein unendlicher Sturm von Schönheit“, schrieb der schottische Naturalist John Muir. Ein schöner Sturm, der heutzutage immer endlicher wird, je mehr wir über den Klimawandel lernen. Wir freuen uns, in diesem Monat die Arbeit einiger mutiger Seelen vorzustellen, die es ablehnen, mit schläfriger Apathie oder lähmender Verzweiflung zu reagieren. Menschen wie Ravi Agarwal, der das bequeme Gehalt einer Karriere in der Unternehmensberatung hinter sich ließ, um in Indien Gewässer zu fotografieren und eine NGO gründete, die sich dem Umweltschutz verschrieben hat. Ebenfalls in Indien haben Manoj Pandey und Nidhin Kundathil eine schlaue und wunderbare Kampagne gestartet, um die Freude an der Literatur zu kommunizieren und jedermann die Möglichkeit zu geben, an ihrer Basismission teilzunehmen. Der thailändische Landschaftsarchitekt Kotchakorn Voraakhom nutzt Porosität – in Form von Retentionsteichen, künstlichen Feuchtgebieten und hügeligen Parks –, um überschüssiges Wasser im hochwassergefährdeten Bangkok aufzusaugen. Favio Chávez unterrichtet paraguayische Kinder im Musizieren mit Instrumenten, die auf raffinierte Weise aus gefundenen Materialien hergestellt wurden, die sonst auf einer Mülldeponie verkommen würden. Ihr Beispiel – ebenso wie die Schriften der Botanikerin Robin Wall Kimmerer und der Essayistin Katy Kelleher – verbannt jeden Impuls, den Kopf in den Sand zu stecken. Es ist besser, die Welt als großen Tautropfen zu sehen – werden wir uns zurücklehnen und zusehen, wie er verdunstet?

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ENTDECKEN

Eine Hymne an die Wiederverwertung

Cateura, ein sozioökonomisch benachteiligtes Viertel neben der paraguayischen Hauptstadt Asunción, ist das Zuhause von zehntausenden Menschen, die auf einer Mülldeponie leben. Es ist eine Gesellschaft voller Musik, die oft dünn aus den billigen Radios erklingt, aber bevor Favio Chávezs Idee, das Recycled Orchestra, im Jahr 2006 Form annahm, war es kein Ort vieler Live-Musikaufführungen. Die meisten Bewohner waren viel zu arm, um sich ein Musikinstrument leisten zu können. Chávez, ein Umweltberater und Musiklehrer, wunderte sich, ob Instrumente aus Materialien gebaut werden können, die im Müll gefunden wurden. Mit der Hilfe von Nicolás ‘Cola’ Gómez, einem Müllsammler, schuf Chávez eine Werkstatt von verblüffendem Einfallsreichtum. Eine Gabel wurde zu einem Saitenhalter einer Violine umgeformt und aus einem Ölfass wurde ein Cello-Körper. Als einheimische Kinder Unterricht an diesen notdürftigen Instrumenten erhielten, war daraus ein Ensemble geboren. „Menschen in Cateura verwenden Müll als eine Ressource“, erzählte Chávez dem Guardian. „Eine (traditionelle) Violine kostet hier mehr als ein Haus. Eine Violine aus Müll ist wertlos, weswegen sie nicht verkauft oder gestohlen wird.“ Maria de Jesus Rios, eine Frau in ihren Zwanzigern, ist eine der Virtuosen des Recycled Orchestras. Sie spielte in ihren Teenagerjahren mit Metallica auf einer derer Südamerika-Tourneen und gab Konzerte in Musikhallen in ganz Europa. Für ihr Glück revanchiert sie sich, indem sie Kindern in Cateura Musik unterrichtet. Ihre Schrott-Violine erfordert ganz eigene Kompetenzen. „Eine recycelte Violine zu spielen, ist eine große Herausforderung“, erklärt sie. „Das Wetter verändert den Klang. Wenn es heiss ist, hört man ihn nur schwer. Aber meine Violine ist mein Freund.“ Landfill Harmonic, ein Dokumentarfilm von Brad Allgood und Graham Townsley aus dem Jahr 2015, bietet ein ausführliches, bewegendes Porträt von Chávez und seinen musikalisch begabten Schützlingen, und zeigt die beträchtlichen Herausforderungen, denen sie sich tagtäglich stellen müssen. Das Recycled Orchestra hat sich als recycelbare Idee erwiesen; Chavezs Gruppe ist derzeit in ähnliche Projekte rund um die Welt eingebunden. Inspiriert von dieser paraguayischen Geschichte der Widerstandsfähigkeit und extremer Kreativität, formten sich Orchester mit ähnlichen Instrumenten in Brasilien, Burundi, Ecuador, Mexiko, Panama und Spanien.

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ARCHITEKTUR

Die Grünflächen, die eine Stadt am Leben erhalten

Kotchakorn Voraakhom war eine der Designerinnen des 2015 Thailand Pavilions auf der Expo in Mailand und sie ist der Kopf – und der grüne Daumen – hinter der Bangkoker Firma Landprocess. Sie ist eine passionierte Verfechterin öffentlicher Grünflächen und viele ihrer Projekte sind der Suche nach Wegen verschrieben, diese in dichten, von Smog umringten Stadtlandschaften zu vermehren. Voraakhom ist auf die besonderen Herausforderungen des Klimawandels in Städten eingestellt, in denen die schnelle Urbanisierung die Wassersysteme auf der ganzen Welt belastet. In Bangkok wurden saisonale Überschwemmungen und Monsunregen einst von schwammigem Land absorbiert, aber die Zersiedelung hat diese ehemals durchlässige Schicht abgedichtet. Die Stadt, in einem tief gelegenen Flussdelta, liegt nur eineinhalb Meter über dem Meeresspiegel. Wenn Bangkok zu ertrinken droht, funktioniert Voraakhoms Centennial Park-Projekt ein bisschen wie eine Schwimmweste. Es erstreckt sich über 11 Hektar auf dem Campus der Chulalongkorn-Universität im Stadtzentrum und ist an einem Hang gebaut. Der Hang leitet Regenwasser in Gärten und künstliche Feuchtgebiete. Die Feuchtgebiete wiederum verbinden sich mit einem Rückhaltebecken mit einer Kapazität von 480.000 Gallonen. (Auf dem Gelände befinden sich auch Heimtrainer, Springbrunnen und ein Spielplatz.) Landprocess baut an der Thammasat-Universität in einem hochwassergefährdeten Gebiet nördlich von Bangkok einen größeren Park nach einem ähnlichen Modell. Diese Projekte sind Teil dessen, was Voraakhom als Porous City Network bezeichnet: Große und kleine Parks, städtische Bauernhöfe, Gründächer und neue Kanalsysteme erhöhen die Porosität und bringen die Stadtbewohner dazu, den Klimawandel auf handhabbare und lebensverbessernde Weise anzugehen.

 
LESEN

Für eine symbiotische Beziehung mit der Natur

Die Botanikerin und naturwissenschaftliche Schriftstellerin Robin Wall Kimmerer ist Professorin für Umweltbiologie im Bundesstaat New York und Mitglied der Citizen Potawatomi Nation. Braiding Sweetgrass ist eine anmutige und eindrucksvolle Sammlung von Essays, die im Jahr 2014 publiziert wurde. Kimmerer macht geltend, dass die menschliche Interaktion mit der natürlichen Welt nicht destruktiv sein muss; sie kann stattdessen kontemplativ und für beide Seiten von Vorteil sein. Der indigenen Legende nach gehört Süßgras (Hierochloe odorata) zu einer der frühesten Vegetationen, die die Erde wie ein Teppich belegte. Die Pflanze dient in Kimmerers Buch als ein Motiv, das die interdependente Komplexität des Lebenszyklus verkörpert, vom Säen und Pflegen bis zum Pflücken, Flechten und Brennen. Sie nimmt auch Bezug auf eine Reihe von anderen Arten (Seerosen, Mastnussbäume, Wilderdbeeren) und deren Umgebungen (ein stark degradierter „Superfund“-Standort, der von der US-Umweltschutzbehörde ausgewiesen wurde, eine Gebirgskette in Kentucky, ein unkrautreicher Teich), um mehr über Nachhaltigkeit und Gegenseitigkeit zu erklären. Die Idee dahinter lautet „Gib mehr als du nimmst“. Kimmerer sagt, dass Großzügigkeit im Aufruhr neuen Wachstums im Frühling zu finden ist, im Aufprallen eines Wasserfalls und in „Büchern, Gemälden, Gedichten, klugen Maschinen, mitfühlenden Handlungen, in transzendenten Ideen und in den perfekten Werkzeugen.“ Dankbarkeit sei gut, solange sie nicht in Passivität umschlägt – sie ermutigt uns alle, einen Beitrag zu leisten, mitzuhelfen, so zu handeln, dass sich Dankbarkeit wie eine Währung für Gutes zeigt. Als Erwachsene hat sie sich dazu entschlossen, die Potawatomi-Sprache zu lernen. Im Kapitel „Learning the Grammar of Animacy“ („Die Grammatik der Animiertheit lernen“) beschreibt Kimmerer die lebendige Art und Weise, wie die Potawatomi Verben für Zustände und Phänomene verwenden, für die die englische Sprache flache, statische Substantive braucht. Wochentage oder Gewässer werden zu lebenden, atmenden Personen. „Um eine Bucht zu sein“, schreibt sie, „geht der Gedanke voraus, dass sich das lebendige Wasser für diesen Moment zwischen diesen Ufern versteckt und sich mit Zedernwurzeln und einer Herde von jungen Sägern unterhält. Denn es könnte auch etwas anderes sein – ein Bach, ein Ozean oder ein Wasserfall, und dafür gibt es ebenfalls Verben.“

 
UNTERSTÜTZEN

Literatur für alle

In Indien werden Textbücher zu Bestsellern und MINT-Studien regieren die Schulen. Das heißt, dass Literatur oft klein geschrieben wird, ein Versehen, welches Manoj Pandey, Schriftsteller und Mitbegründer (mit Nidhin Kundathil, einem Grafiker) von StickLit, versucht zu korrigieren. StickLit hat zum Ziel, den Begriff des Lesens, und insbesondere des Lesens zum Spaß, zu demokratisieren. Laut Pandey haben Indiens starke Ungleichheiten – in Bezug auf Wohlstand als auch auf Bildungsmöglichkeiten – und die Hektik und das Gedränge der Städte dazu beigetragen, dass sich die Bürger dieser Freude entziehen. Das Projekt lockt schüchterne Leser an, indem es einige der besten Zeilen von Shakespeare, Oscar Wilde, Riyazat Ullah Khan und aufstrebenden Künstlern wie Nishita Gill und Nikhil Mhaisne aufgreift und sie, je nach Länge des Zitats und der Länge der Warteschlange, an hell leuchtenden Aufklebern, Wandgemälden und Postern anbringt (ganze Gedichte finden sich in Zugstationen, wo Menschen viel Wartezeit verbringen; kurze Zitate kommen auf kleine Aufkleber, die an Imbissstände geklebt werden, wo eilende Fußgänger vielleicht doch noch ein paar gute Worte bemerken). Sprache ist ortsspezifisch: Hindi-Zitate in Delhi, Kannada-Zitate in Bengaluru, und Englisch wird überall verwendet. Die ersten Auszüge wurden 2017 veröffentlicht und das Projekt breitete sich schon bald auf Kolkata, Mumbai und Darjeeling aus. Herunterladbare Aufkleber auf der StickLit-Website können gedruckt und überall dort platziert werden, wo ein literarischer Graffitikünstler denkt, dass sie am besten passen. Twitter und Instagram haben das Experiment von Pandey und Kundathil zu einem globalen Unterfangen gemacht, mit Aufklebern und Postern, die in London, Amsterdam, Philadelphia und Kathmandu auftauchen. Pandey nennt das Projekt „die größte Sammlung guter Literatur im öffentlichen Raum: eine Bibliothek, die für alle kostenlos ist“. Salman Rushdie, der häufig in den Materialien erwähnt wird, hat seine Unterstützung geleistet. Pandey schätzt StickLit als Gruppenübung in Optimismus. „Menschen, vor allem die Jungen, glauben immer noch, dass ein Stift die Welt verändern kann.“

 
MENSCHEN

Die Kunst des Aktivismus

Der Künstler, Schriftsteller, Fotograf, Kurator und Umweltaktivist Ravi Agarwal ist ein ausgebildeter Ingenieur und arbeitete in einer Unternehmensberatung in Indien, bevor er die Geschäftswelt im Jahr 1993 für einen riskanteren, altruistischeren Weg verließ. Er gründete die Umwelt-NGO Toxics Link und begann, Gewässer zu fotografieren, die ihn gleichermaßen durch ihre starke Symbolik als auch durch ihre schwindende Relevanz im Stadtleben faszinierten. Seine Hauptprojekte, die mehrere Jahre in der Produktion sind und oft eine tagebuchähnliche Komponente enthalten, wurden bei der Biennale in Yinchuan und Kochi-Muziris und bei der Documenta XI gezeigt. Toxics Link lenkt seinen Aktivismus; er ist Mitglied einiger Strategie- und Regulierungskomitees und schreibt wissenschaftlich über Nachhaltigkeit für die Massenmedien. Im Jahr 2008 wurde ihm der UN Special Recognition Award für Chemische Sicherheit verliehen. Seine Fotografien sind ausdrucksstark und prismatisch. „Rhizome“ zeigt einen Strand in der Nähe von Pondicherry, an welchem Plakate den Sand mit der Aufschrift (unter anderem) „Motor“, „Zyklon“, „Geld“, „Krabbe“ und „Trawler“ besetzen: Agarwal hat lokale Fischer gefragt, welche Worte ihnen in den Sinn kommen, wenn er das Stichwort „Meer“ erwähnt. „Ambient Seas“ dreht sich um eine Reihe von Gesprächen, die er mit einem Fischer namens Selvam führte, während dieser mit seinem kleinen Katamaran paddelte. „Ich fühlte mich sehr verletzlich", sagt Agarwal. „Mein „Boden“ hat sich verschoben. Ich hatte nicht mehr die Kontrolle – das Meer hatte sie.“ Das Stück enthält einen gefilmten Ausschnitt, der zeigt, wie Selvam einen neuen Katamaran baut und Fischernetze herstellt. Selvam hat diese Fähigkeiten nicht an seine Söhne weitergegeben; er möchte nicht, dass sie seine Arbeit fortsetzen. Agarwals Fotografien versetzen einen in eine ozeanische Stimmung. Hätten sie einen Soundtrack, würde John Luther Adams großartiges Orchesterwerk Become Ocean passen.

 
THE PARIS REVIEW

Über die Wunder der Spezien

Katy Kelleher ist die Autorin von Handcrafted Maine, einer ansprechenden Sammlung von Porträts der Künstler, Handwerker und Kunsthandwerker im Staat – einschließlich Weber, Töpfer, Becker, Hummerfänger, einem Maler, einem Architekten, einem Bootsbauer, einem Lederhandwerker und vielen anderen. In The Paris Review Daily lenkt Kelleher die Aufmerksamkeit auf eine Komponente der natürlichen Welt, die im Golf von Maine und den Ozeanböden der Welt lebt; wie lange dem noch so ist, weiß man nicht. In ihrem Essay „Living Coral, the Brutal Hue of Climate Change and Brand New iPhones“ („Lebende Koralle, die brutale Tönung des Klimawandels und brandneue iPhones“) erzählt sie eine lebendige, schön formulierte Kapselgeschichte eines außergewöhnlichen Tieres. Sie taucht in die griechische Mythologie ein, insbesondere Perseus‘ Niederlage gegen Medusa – als er den Kopf des Monsters abgetrennt hatte, machte er daraus eine Trophäe und legte sie auf ein Bett aus Meeresalgen. Wie nach Ovid übermittelt, „haben die frischen Pflanzen, die immer noch darin lebten, auf den Einfluß des Gorgonenhaupts reagiert und sich bei Berührung verhärtet, was zu einer neuen Rigidität der Äste und Wedel führte.“ Das war die Erklärung der alten Griechen für die krustigen Riffe, die sie unter den Wellen spürten. Für sie, so schreibt Kelleher, „waren Korallen tot wie Stein, leblos wie ein Rubin oder eine dreckige Hand voller Gold. Koralle war blutig, Koralle war erstarrt. Koralle war das schöne Überbleibsel eines brutalen Siegs.“ Im frühen 11. Jahrhundert bemerkte der persische Gelehrte Al-Biruni, dass Koralle auf Berührung reagiert. Im 18. Jahrhundert untersuchte William Herschel Korallenzellen unter dem Mikroskop und identifizierte sie als zum Tierreich gehörend. Der warme Rosa-Orange-Farbton, der am häufigsten mit Korallen in Verbindung gebracht wird, so dass viele Sprachen diese Farbe einfach „Koralle“ nennen, gehört der Spezies Corallium rubrum an, die vor allem entlang der italienischen und portugiesischen Küste gefunden werden kann. Hinduistische Astrologen glauben, dass Korallenschmuck Mut macht. Plinius der Ältere glaubte, dass Korallen die Menschen davon abhalten könnten, dem gefährlichen Sirenengesang einer Verführerin zu erliegen. Das Christentum hat Koralle als Symbol für das Blut Christi verwendet und die New-Age-Gruppe, die sich an Orten wie Sedona, Arizona, versammelt, sagt uns, dass Korallen die Fruchtbarkeit steigern und das Blut reinigen können. Kelleher ist alarmiert über den Rückgang und das Absterben der Korallenriffe aufgrund von Überernte und Klimawandel. Durch Erwärmung und Übersäuerung der Ozeane wurden sie „gebleicht“ – ersteres geschah durch das Entfernen der symbiotischen Algen, die die meisten Korallen mit ihrer Farbe und ihrer Nahrungsquelle versorgen, und letzteres durch Verhinderung des Wachstums neuer Korallen. Über die Hälfte des australischen Great Barrier Reefs ist inzwischen tot. Dennoch sieht Kelleher einen Hoffnungsschimmer in Form eines Projekts, das als „IVF“ für dieses Wahrzeichen genannt wurde: Wissenschaftler sammeln Korallenlaich, der wie „perlmuttartige Versionen von Maiskolben“ aussieht, und hoffen, dass diese Samen den Prozess der Regeneration erwirken.

 
BESUCHEN

Ein Museum der und für die Neuzeit

Das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost feierte letzten Monat sein zehntes Jubiläum. Das Museum ist ein nachhaltig gebautes Architekturwunder am Rande des Bremerhavener Hafens und widmet sich ausschließlich dem Thema Klimawandel. Zu seinen Partnern zählen das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, das Max-Planck-Institut für Meteorologie und der Deutsche Wetterdienst. Das Klimahaus beherbergt ein umfangreiches Bildungsprogramm mit Konferenzen und Vorträgen, aber die Hauptattraktion des Museums ist eine interaktive Ausstellung, mit der Besucher die Auswirkungen des Klimawandels visuell erleben können, indem sie durch eine Reihe von Klimazonen entlang des achten (8º) Ostmeridians geführt werden. Beginnend im gemäßigten Bremerhaven „bewegen“ sich die Besucher durch die Schweiz, Sardinien, Niger, Kamerun, die Antarktis, Samoa und Alaska. Es ist ein genialer Kunstgriff der Kuratoren des Museums, in dem das Drama des extremen Wetters buchstäblich zum Tragen kommt. Der nahezu unsichtbare CO2-Fußabdruck des Gebäudes ist besonders beeindruckend im Kontext einer Ausstellung, deren Betrieb und Wartung viel Energie erfordert. Der Architekt Thomas Klumpp hat herausgefunden, wie hohe und niedrige Temperaturen sowie anspruchsvolle audiovisuelle Installationen in einer nachhaltigen Struktur untergebracht werden können, bei der Rahmen und Träger (die im Schiffbau häufiger zum Einsatz kommen) verwendet und weniger als 0,3 kg CO2 pro Besucher ausgestoßen werden. Die ungewöhnliche Form des Gebäudes erinnert einige Besucher an die Silhouette eines Schiffes; andere denken, die Form gleicht einer Wolke.

 
AUFSUCHEN

Gesten, Symbole, Formen, Extremitäten

William Forsythe ist am besten bekannt für seine Choreographie, welche sich über vier Dekaden erstreckt. Sie ist fesselnd auf Grund der radikalen Freiheiten, die er sich konsequent mit der Sprache des Ballets herausgenommen hat. Über seine Kreationen für die Bühne hinaus hat Forsythe ein angrenzendes Werk geschaffen, mehr Kunstinstallation als Performance. Er hat seine Skulpturen und Filme als Choreografic Objects bezeichnet. Die Wanderausstellung über die Gagosian Gallery, die momentan bei SESC Pompéia, in São Paulo verweilt, ist bis zum 28. Juli zu sehen. „Unabhängig von Umfang und Art dieser Projekte bemühen sie sich alle, dem Betrachter ein schmuckloses Gefühl für sein eigenes physisches Selbstbild zu vermitteln“, sagte Forsythe einem Interviewer. „Die meisten Choreografic Objects dienen als Ersatz für reale Interaktionen mit der menschlichen Umgebung: vom Bordstein steigen, zum Bus rennen, einer Pendeltür ausweichen … keinen Stuhl kippen; nicht den Zeh stoßen. Was ich oft versuche, ist Phänomene zu isolieren, die so vollständig in unser unbewusstes physisches Selbst integriert sind, dass sie für uns unsichtbar sind.“ In Black Flags, tragen Roboter massive bannerähnliche Flaggen, die manchmal zusammen wie synchron winken und manchmal zum Stillstand kommen – „ein Zustand“, bemerkt Forsythe, „den ein Mensch überhaupt nicht bewirken kann.“ Alignigung 2 ist eine Videoinstallation aus Live-Performances; das Thema lautet Verstrickung. Der Betrachter kann sehen, dass es zwei Körper gibt – sie gehören Rauf Yasit, einem Breakdancer, und Riley Watts, der zuvor mit der Forsythe Company tanzte. Beide stehen im Dialog, aber ein gewundenes Geflecht von Gliedmaßen macht es schwierig zu erkennen, wo ein Körper beginnt und wo der andere endet. Die Show zeigt auch groß angelegte architektonische Installationen. Der Künstler bringt Anweisungen an einer Wand neben den Werken an, und die Teilnehmer werden ermutigt, den Raum in einer choreografischen Denkweise zu besetzen und sich kreativ darin zu bewegen. Unsustainables, São Paulo (2019) ist ein neues Werk, welches er für die Räumlichkeiten in São Paulo kreierte.



Illustrationen von Audrey Helen Weber

‘O lands! O all so dear to me—what you are (whatever it is), I become a part of that, whatever it is.’

Walt Whitman