Illustration by Audrey Helen Weber

Januar 2019

Das Kompendium

Mit Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft, wie Janus, der Namensgeber des Januars und doppelgesichtiger, römischer Gott der Tore, Türen und Übergänge, neigen wir dazu, uns selbst im ersten Monat des Jahres dazu zu drängen, mehr zu tun und uns besser zu fühlen als zuvor. Nach den Feierlichkeiten zum westlichen Neujahr und den bevorstehenden Feierlichkeiten zum Jahr des Yin-Erdschweins, denken viele von uns darüber nach, wie sie am besten einen Neuanfang machen können. Anstatt jedoch wie üblich nach innen zu schauen, könnten wir über den Nervenkitzel äußerer Entdeckungen — „die Freude, Dinge herauszufinden“, Erneuerung suchen, wie es der renommierte Physiker Richard Feynman formuliert. Vor diesem Hintergrund möchten wir Folgendes teilen. Einige Entdeckungen erfordern ein wenig Beinarbeit: zum Beispiel die klassischen Skulpturen, die das Gelände von Stockholms Waldemarsudde umgeben. Dann gibt es Entdeckungen einer eher kontemplativen Art — Dan Beachy-Quicks Of Silence and Song, eine Meditation über das mittlere Alter und die Rolle der Dichtung im modernen Leben; die bezaubernde Art Lee Kang-Hyos Keramiken zu fertigen; und eine Ode an die Stille in Witold Rybczynskis zärtlicher Ethnographie der Stühle und Sitzpositionen. Egal, ob wir uns in der Nähe unseres Zuhauses oder weiter weg befinden, wir entgehen dem Stillstand und der Routine, um neue, wegweisende Werke zu entdecken.

Illustration by Audrey Helen Weber

 
AUFENTHALT

Unterkünfte in einem abgelegenen und atemberaubenden Wald

Malaysias Cameron Highlands wurden nach dem britischen Entdecker Sir William Cameron benannt, der 1885 ankam und erpicht auf die üppigen Berge und das milde Klima nach Albion zurückkehrte. Touristen wissen um die Teeplantagen, den englischen Kolonialstil (Tudor-Armaturen schmücken die Außenbereiche neuer Hotels; die Speisekarten enthalten Scones und Beef Wellington), den gezierten Kitsch (erdbeerartige Souvenirs) und leider auch um die Menschenmassen: die Mossy-Forest-Promenade, ein beliebter Naturpfad, wird jetzt auch als ""Muddy Forest"" bezeichnet, dank unhöflicher Reisender, die die Blumen entlang des Pfades stehlen. Weiter abgelegen ist die Magie der Highlands jedoch noch intakt und leicht zugänglich, sobald man beim Terra Farm Treehouse angekommen ist, einer Öko-Lodge von herrlicher Schlichtheit. Um dorthin zu gelangen, benötigt man einen Geländewagen, um den schmalen, zerfurchten vier Kilometer langen Pfad bis zum Rand des Grundstücks zu bezwingen. Danach folgt ein kurzer, steiler Anstieg zu den Baumhäusern (laut Terras Website, „ist es definitiv besser, einen leichten Rucksack anstelle eines Rollengepäcks mitzubringen“). Ein Generator sorgt für Elektrizität am Tag, aber es wird empfohlen, eine Taschenlampe für die Abende sowie eigene Handtücher und Hygieneartikel mitzunehmen. Baumwollsteppdecken, Moskitonetze und das Wiegenlied der lebendigen, atmenden Natur versprechen einen hochwertigen Schlaf. Täglich werden drei Mahlzeiten mit köstlichen biologischen Zutaten aus dem Garten der Unterkunft zubereitet. Wandern Sie die wunderschönen umliegenden Wanderwege, die Sie über Bäche, vorbei an Wasserfällen und durch ökologisch abwechslungsreiche Bergwälder führen, oder lehnen Sie sich einfach zurück in Ihren Horst und lauschen Sie dem Vogelgesang.

Illustration by Audrey Helen Weber

 
ENTDECKEN

Moderne Gefäße mit Substanz, beeinflusst durch jahrhundertelange Tradition

Der südkoreanische Keramiker Lee Kang-hyo ist dafür bekannt, der erste moderne Kunsthandwerker zu sein, der zwei traditionelle Arten der Keramik vereint:Onggi Töpfe — mit ihrer massiven, einfachen Festigkeit — und Buncheong Dekoration, mit ihren kontrastreichen Schichten an komplexen Mustern aus weißem Beguss und dunklen Oxiden. Die daraus resultierenden minimalistischen Designs und gespritzten Glasuren erinnern hin und wieder an die Werke von Jackson Pollock. Seit 5000 v. Chr. wurden Onggi zur Fermentierung und Aufbewahrung von Lebensmitteln wie Kimchi, Soyasauce und Reiswein benutzt. In den 1970er Jahren kamen sie aus der Mode, als elektrische Kühlungen auf dem Vormarsch waren. Damals, als Kunststudent, sprach Kang-hyo das Großformat der Töpfe an. Er suchte sich einen Meister, von dem er die traditionelle Form erlernte, und verbrachte drei Jahre als Lehrling, um seine Fähigkeiten zu perfektionieren. Er rollte die schweren Bänder aus rotbraunem Ton aus und balancierte die gewundenen Längen auf seiner Schulter, während er sie mit einem langsam drehenden Rad und Holzpaddel in den Rand der größeren Struktur integrierte. Heutzutage begießt Kang-hyo die groben, dunklen Töpferwaren häufig mit einem weißen Guss und fügt geschnitzte Dekorationen hinzu — von Blumen, Blättern, Fischen und Bäumen bis hin zu Bergen, Feldern und dem Himmel. Seine Töpfe haben subtile bunte Farben, die sowohl schwach (milchig-weiß, grau, beige) als auch satt ausfallen (rosa und beinahe korallenfarbig, rostrot, sattes Braun). Er betreibt sein Atelier mit seiner Frau, die ebenfalls eine Keramikerin ist. Wenn er sich die alten Onggi Töpfe ansieht, sagt Kang-hyo: „Ich liebe die Fülle der Form und das Volumen…Ich habe sie nie nur als große Gefäße gesehen. Ich denke, sie sind großartige Skulpturen.“

 
AUFSUCHEN

Die Neuentdeckung der Bedeutung einer lange im Hintergrund arbeitenden Künstlerin

Stockholms Waldemarsudde, ein malerisches Museum, das ursprünglich das Zuhause des Malers und Kunstmäzen Prinz Eugen (1865–1947) war, beherbergt ein burgähnliches Hauptgebäude, das von Ferdinand Boberg entworfen wurde; ein Herrenhaus und eine Leinölmühle aus dem späten 18. Jahrhundert; und eine Galerie, die 1913 hinzugefügt wurde. Bis zum 27. Januar ist eine Ausstellung zu sehen, die Paula Modersohn-Becker (1876–1907), einer Pionierin des frühen Expressionismus, und ihrer Kohorte in Worpswede, einer berühmten deutschen Künstlerkolonie außerhalb von Bremen, gewidmet ist. Modersohn-Becker ging erstmals 1887 nach Worpswede, um bei Fritz Mackensen Malerei zu studieren. Im darauf folgenden Jahr ließ sie sich in dem kleinen Dorf endgültig nieder. Nach einer erfolglosen Einzelausstellung im Jahr 1899 arbeitete sie größtenteils in Abgeschiedenheit und, inspiriert von van Gogh und Gauguin, schuf sie Leinwände von schlichter Einfachheit und Schönheit, die zu Lebzeiten sehr wenig Beachtung fanden. Sie gehörte zu einer Malergemeinschaft, zu der Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Ottilie Reylaender, Hans am Ende, Fritz Overbeck, Hermine Overbeck-Rohte und Mackensen sowie die Bildhauerin Clara Westhoff gehörten, die mit dem Dichter Rainer Maria Rilke verheiratet war. (Rilke lebte und arbeitete zeitweise selbst in Worpswede, bevor er nach Paris und später nach Borgeby Castle in Südschweden zog.) Fasziniert von Worpswedes offenen Feldern, Birkenlauben, klaren Bächen und reichlichem Licht, schuf diese Gruppe, einschließlich Modersohn-Becker, viele Landschaftsbilder sowie Portraits der Bauern der Gegend und Szenen aus Geschichten und Mythen. Die Ausstellung in Waldemarsudde zeigt auch 60 Gemälde, Zeichnungen und Drucke dieser größeren Gruppe. Sie werden inspiriert sein, Worpswede gleich zu besuchen, aber ein angenehmer Ersatz findet sich in der Nähe: Als Besucher, der durch Waldemarsuddes Anwesen und seine Parkanlage spaziert, trifft man auf alte Eichen, einladende Gärten und eine herrliche Aussicht auf den Stockholmer Hafen. Ein Skulpturenpark enthält Werke von Auguste Rodin, Antoine Bourdelle und Carl Milles sowie eine Kopie der Nike of Samothrace, die derjenigen im Louvre nachgegossen wurde.

 
LESEN

Eine gelehrte Arbeit, die den Sinn in einem schwierigen Thema findet

Der Horne Preis wird jährlich, in Zusammenarbeit mit unseren Freunden von The Saturday Paper verliehen, einer australischen Wochenzeitung, die für ihren exzellenten Journalismus bekannt ist. Um die Kühnheit eines der angesehensten öffentlichen Intellektuellen des Landes zu würdigen — Donald Horne — der immer für das Land schrieb, in dem er leben wollte, nicht für das Land, in dem er wirklich lebte — kürt dieser Preis Essays, die ein Licht auf das moderne australische Leben werfen. Im Dezember 2018 wurde dem Yorta-Yorta-Schriftsteller Daniel James der Horne Preis für Ten More Days verliehen, einer einzigartigen Beschreibung des generationenübergreifenden Traumas innerhalb einer indigenen Familie und Gemeinschaft. Nachdem er den konstanten Rassismus beschrieb, der seinem Vater und Großvater widerfuhr, wendet sich James der Zukunft zu. „Die Bedeutung, ein Ureinwohner zu sein, ändert sich ständig", schreibt er. „Die Herausforderungen, mit denen ich heute konfrontiert werde, unterscheiden sich von den Herausforderungen meiner Vorfahren. Australien ändert sich nicht schnell genug, um mithalten zu können. Wir benötigen die fortwährende Führung und das Einfühlungsvermögen der Ureinwohner aller Nationen, um den Wandel zu unterstützen, den Australien so dringend braucht.“ James gewährt den Lesern Einblick in eine intime Geschichte und bewahrt dabei ihre Heiligkeit, indem er die Leser bittet, das Gleichgewicht zwischen Memoiren und Intrusion zu respektieren.

 
KINO

Folklore und Wirklichkeit voller Charme, Magie und Schrecken

Katja Gauriloff, eine Dokumentarfilmemacherin aus Lappland und indigene Skolt Sami, bringt mit Kaisa's Enchanted Forest ( Kuun metsän Kaisa), ihrem Projekt aus dem Jahr 2016, bemerkenswertes Archivmaterial über eine Kultur zum Vorschein, die in Vergessenheit geraten ist, indem sie die Geschichten ihrer Urgroßmutter erzählt. Der Titel nimmt Bezug auf die Vorfahren, namens Kaisa, und den Schweizer Schriftsteller Robert Crottet, der in den späten 1930er Jahren mit den Skolt Sami zusammenlebte und einige Bücher über ihre Folklore veröffentlichte; The Enchanted Forest war eine Kollektion traditioneller Geschichten, die ihm die Kaisa erzählten. Crottet war den Skolts auf eine beinahe mystische Art zugetan: Als er an Tuberkulose litt, hatte er Fieberträume, in dem Figuren aus einem “Stamm aus Lappland“ vorkamen. Auf der Suche nach ihnen, reiste der junge Autor in das arktische Dorf namens Suenjel, welches er die “Schwelle zur Unendlichkeit“ nannte. Er wurde herzlich empfangen von den 30 Familien, die in der winterlichen Niederlassung des Stamms lebten, aber er war Kaisa am nächsten. Beide sprachen russisch — Crottet kam in Russland zur Welt und Kaisa lernte die Sprache, als sie als Bedienstete in einem Kloster arbeitete — und Crottet lernte die gefährdete Sprache, um die Geschichten der Skolts besser zu verstehen. Diese Legenden sind voller Gewalt. Gauriloff greift eine davon auf, die von den Nordlichtern handelt; erzählt von Kaisa und illustriert mit Veronika Bessedinas animierten Zeichnungen. Ein verbotener Wald, magische Bäume, Mord und Kannibalismus werden hier in Schwarz-Weiß, mit subtilen Farbtupfern gezeigt. (Farbe wurde sporadisch und poetisch im Film verwendet: Crottet fragt Kaisa, wieso sie den Hals eines Mutterschafs blau gemalt hat. Sie antwortet: „Blau ist ihre Lieblingsfarbe“). Die realen historischen Sagen und Unglücke der Skolt Sami, speziell rund um die Verschiebungen des Zweiten Weltkrieges, entfalten sich neben der Darstellung der Märchen des Films. Die Bevölkerung der Skolt Sami beträgt heute Hunderte, und die meisten sprechen die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr. Im Jahr 2015 wurde ein Archiv der Suenjel Skolt Sami Gemeinschaft, in dem Dokumente aus dem 17. und 18. Jahrhundert aufbewahrt werden, aufgenommen in das UNESCO Memory of the World Register.

 
HÖREN

Ein lang erwartetes Album für die Liebhaber von Avantgarde

Der Blaufuchs ist eine atemberaubende Rarität: eine genetische Variante des Polarfuchses, die nur bei einem Prozent dieser kompakten, gemütlichen Caniden vorkommt. Im traditionellen japanischen Glauben ist der Fuchs ein Botschafter des Göttlichen, und die japanische Komponistin Midori Takada hat kürzlich ihre neue Veröffentlichung, die nach einer Pause von fast 20 Jahren erschien, Le Renard Bleu genannt. Takadas limitiertes Album aus dem Jahr 1983 Through the Looking Glass hat nur vier Lieder — bestehend aus beunruhigenden, nachvertonten musikalischen Luftschlössern, die aus der Marimba, dem Harmonium, Colaflaschen und Kuhglocken bestehen—das Album wurde zum Kultobjekt. Für Le Renard Bleu, hat Takada mit dem Londoner experimentellen Popkünstler Lafawndah zusammengearbeitet. Die künstlerischen Leiter Lola Raban-Oliva und JR Etienne von Partel Oliva kreierten den begleitenden Film (finanziert und vertrieben von KENZO, für welchen Lafawndah die Soundtracks für die Modeschauen bereitstellte). Einzelne Glocken eröffnen den Single-Track des Albums, Lafawndah beginnt zu singen und klingt manchmal wie Anita Baker. „Fox, sing for me", befiehlt sie, „about how one mind learned to read another". Für die nächsten 20 Minuten wird sie von einer Vielzahl an Handglocken, antiken Zimbeln, myochin hibachi Windspielen, Trommeln und einer Marimba begleitet. Schillerndes Glockengeläute beendet die Platte. Es ist eine seltsame, unberechenbare, sui generis klangliche Reise, und ein markantes Gegenstück zu Through the Looking Glass.

 
BESUCHEN

Die Brontës hatten es so gut

Der YYorkshire Sculpture Park befindet sich auf dem Gelände des Bretton Estate und ist ideal für diejenigen, die das Wandern in den Mooren mit einer Dosis moderner Kunst kombinieren möchten. Hier finden man 500 Hektar an Feldern, Hügeln, Wäldern, Seen und formeller Gärten sowie ein Innenbereich für Galerien. Im Jahr 1720 baute Sir William Wentworth das Palladio-Herrenhaus, das Bretton Hall ausmacht. Sein Sohn, Sir Thomas Wentworth, hat den Fluss Dearne gestaut, um die Seen des Anwesens zu schaffen, und seine Gäste mit Feuerwerken und nachgestellten Seeschlachten zu unterhalten. Die uneheliche Tochter von Thomas, Diana Beaumont, erweiterte das Herrenhaus des Anwesens zu Beginn des 19. Jahrhunderts und ließ einige Glaskonstruktionen und Wintergärten erbauen. Im Jahr 1948 wurde ein Großteil des Anwesens verkauft und zu einer Hochschule für Kunst-, Musik- und Schauspiellehrer umfunktioniert, worauf diese Teil der University of Leeds wurde. Im Jahr 1977 erbaute das Bretton Hall College Skulpturen auf dem Anwesen, öffnete die Landschaft für die Öffentlichkeit und bot Künstlern die Möglichkeit, monumentale Werke in der Landschaft von Yorkshire zu platzieren. Die Hochschule wurde 2007 geschlossen und der Yorkshire Sculpture Park übernahm die Verwaltung der gesamten 500 Hektar. (Die Halle soll ein Luxushotel werden.) Wer 2019 einen Besuch plant, trifft auf Ai Weiweis Circle of Animals / Zodiac Heads (2010), eine Gruppe von 12 Tierköpfen aus Bronze, die seit 2011 auf weltweiter Wanderausstellung ist. Giuseppe Penones bemerkenswerte Baumskulpturen (Matrice, hergestellt aus dem zweigeteilten Stamm einer Tanne, und Propagazione, eine Zeichnung an drei Wänden, die in den Galerieräumen von YSP untergebracht sind. Neun seiner Bronzeskulpturen befinden sich im Freien), Kimsoojas To Breathe, das den Boden der Kapelle in eine hypnotische Spiegelfläche einhüllt; Alfredo Jaars The Garden of Good and Evil, in dem der chilenische Künstler Stahlzellen platziert, die an CIA-Blacksites inmitten des umliegenden Waldes erinnern; und Criminal Ornamentation , eine breit angelegte Ausstellung von Yinka Shonibare MBE, die Werke von Boyle Family, Susan Derges, Milena Dragicevic, Laura Ford, Ed Lipski, Alexander McQueen, Joe Fletcher Orr, Lis Rhodes, Bridget Riley, Caragh Thuring, den Timorous Beasties und Bedwyr Williams umfasst.

 
THE PARIS REVIEW

Eine kurze und faszinierende Geschichte über Sitze und das Sitzen

"Aufrecht sitzen ist immer eine Herausforderung", schreibt Witold Rybczynski in einem ansprechenden Essay in der Paris Review Daily über die Haltung, in der wir die meisten Wachstunden verbringen — abgesehen von jenen, die an Stehpults arbeiten. Er beginnt mit einer Szene aus David Leans Film Lawrence of Arabia: T. E. Lawrence und sein Vorgesetzter, Colonel Brighton, besuchen Prinz Faisal in der Wüste. Das königliche Zelt hat einen Teppichboden, auf dem die Männer sitzen; Brighton sehr steif, die Beduinen völlig ruhig und Lawrence irgendwo in der Mitte. Damals fing Rybczynski an, über die Etikette und Unbeholfenheit des Lebens im Sitzen auf der ganzen Welt nachzudenken. Er zitiert den Anthropologen Gordon W. Hewes, der hundert gewöhnliche Sitzpositionen identifizierte. Die Menschen in Südostasien, Afrika und Lateinamerika neigten dazu, im Schneidersitz oder in tiefer Kniebeuge zu sitzen. Melanesier und eine Reihe indianischer Stämme im Südwesten streckten ihre Beine gerne vor sich aus. Der Aufstieg des Stuhls, meint Rybczynski, ist geheimnisvoll. Man könnte denken, dass kalte oder feuchte Fußböden zu dieser Alternative führten, aber die Japaner und Koreaner, die kalte Winter durchleben, saßen traditionell auf Fußmatten. Klappstühle kamen im alten Ägypten auf, wo es warm und trocken war. Die nomadischen Mongolen transportierten, im Gegensatz zu den ebenso nomadischen Beduinen, zusammenlegbare Möbel. Menschen, die am Boden sitzen, ziehen normalerweise die Schuhe aus, bevor sie das Haus betreten, und tragen lockere Kleidung. Diejenigen von uns, die auf Möbeln sitzen, finden das nicht spannend genug, um Zuhause davon zu berichten. Der österreichische Architekt Bernard Rudofsky, der provokante Autor von Architecture Without Architects, verabscheute Stühle: „Die Sensibleren unter uns sind sich der lächerlichen Aspekte des Sitzens auf Stühlen bewusst — sozusagen auf vier Zahnstochern aufgespießt oder drapiert wie eine Auster über etwas, das einer übergroßen Halbschale ähnelt.“ Wir betrachten eine Sitzposition als statisch, obwohl es sich eigentlich um einen fortwährenden Balanceakt handelt. Der britische Psychologe Paul Branton meint, ein Mensch sei „nicht nur eine träge Tasche aus Knochen, die man auf einem Sitz abstellt, sondern ein lebender Organismus in einem dynamischen Zustand ununterbrochener Aktivität." Vielleicht ist das der Reiz des Schaukelstuhls: er absorbiert unsere Neigung zu zappeln.

 

 

Illustrationen von Audrey Helen Weber

‘No one ever regarded the First of January with indifference.’

Charles Lamb