Das Kompendium

Januar 2018

Wie lange und wie gut werden wir leben? Nietzsche, mit seinen durch und durch griechisch geprägten Gedankengängen, rät, uns nicht um das größere Ganze zu kümmern, sondern dem Moment nachzugeben – um Gelassenheit darin zu finden, unserem individuellen Schicksal mit offenen Armen zu begegnen. ‘Dass man nichts anders haben will’, so schreibt er, und dass man ‘das Notwendige nicht bloß ertragen … sondern es lieben [soll].’ Wenn das Schicksal das nächste Mal zu stocken scheint, versuchen Sie doch, in dieser Pechsträhne zu schwelgen wie ein Übermensch, bevor Sie versuchen, einen Weg heraus zu finden.

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HÖREN

Eine Stimme aus Kuba, die weltweit widerhallt

‘Ich begann zu singen, weil ich geboren wurde’, erläutert die unwiderstehliche Daymé Arocena, eine unfassbar talentierte Sängerin aus Havanna, deren Konzerte in London, Paris und den USA der 24-Jährigen eine begeisterte, internationale Fangemeinde beschert haben. Mit nur 14 wurde sie die Frontsängerin der Big-Band-Gruppe Los Primos. Es sollte nicht lange dauern und Lob wie Unterstützung verschiedener Jazz-Größen waren ihr sicher – Wynton Marsalis und Jane Bunnett eingeschlossen. Ihre Stimme umfasst ein großes Repertoire, und dasselbe gilt für ihre Musik, die auf Kubas vielen kulturellen Einflüsse basiert und Soul, Scat, Timba, Rumba / Guaguancó und Jazz verinnerlicht hat; Elemente aus Santeria, Changüí und Ballada; sowie das klassische Repertoire aus der Zeit, in der sie am Konservatorium studiert hat. Arocena hat zwei Alben, Nueva Era und Cubafonía, herausgebracht, die es sich anzuhören lohnt, allein schon wegen ihres hinreißenden Selbstvertrauens und ihrer Dynamik. Da Arocenas Stimme sie auf immer ausgedehntere Reisen mitnimmt [sowohl innerhalb einzelner Lieder als auch auf ihren Tourneen weltweit], wäre es nicht verwunderlich, wenn sie neue und andere Quellen mit einbeziehen würde. ‘Wir haben diese Kultur des Einheimischen gar nicht’, erläutert sie. ‘Wir haben keine indigene Bevölkerung wie die Maya oder Quechua. [Kuba ist] ein Land mit Menschen von überall her.’

 

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MENSCHEN

Die Tänzerin und der Tanz: Ballet von beiden Seiten

Wie kommt man ins Lincoln Center? Üben, üben, üben. Mit 26 Jahren ist Lauren Lovette die jüngste Solotänzerin des New York City Ballet und sieht aus wie eine zum Leben erweckte Ballerina, die sich eigentlich in einer Spieluhr dreht. Aber lassen Sie sich von ihrem Bilderbuch-Äußeren nicht täuschen, Lovette besitzt einen ziemlich großen und ikonoklastischen Ehrgeiz. Sie tanzt nicht nur, sondern gibt auch Unterricht und choreographiert. Ihr erstes Stück für das NYCB, For Clara, war Teil der 2016 Fall Gala, der alljährlichen Herbstgala der Kompanie; diesen Mai eröffnet das mutige Not Our Fate in Manhattan mit Musik von Michael Nyman. ‘Als Ballerina bist du die meiste Zeit über still. Du bist es gewohnt, die Farbe zu sein. Die Seite zu wechseln und der Maler zu sein braucht eine gehörige Portion Mut’, so Lovette darüber, sowohl Tänzerin als auch Choreographin zu sein. ‘Liebe, junge Lovette’, schrieb sie in einem Brief, den sie an ihr jugendliches Ich adressierte, ‘Lebe Dein Leben nicht, um Dinge von einer Liste abhaken zu können… Lass es geschehen und lebe so hart und intensiv wie Du kannst.’ Leidenschaftlich und unerschrocken gefühlvoll, inklusive einem pas de deux getanzt von zwei männlichen Tänzern, zeugt Not Our Fate von einem erfrischend unorthodoxen Verständnis des klassischen Balletts.

 

 

 
BESUCHEN

Würdevolle Ausstellung: Die Anerkennung  der Jahrhunderte voller Ungerechtigkeit

Die Kuratoren von ‘Blind Spots’, einer Ausstellung in der Königlichen Dänischen Bibliothek in Kopenhagen, konzentrieren sich auf das Thema harter, aber versteckter Arbeit dieser Assemblage von Bildmaterial – diese steht für die 100 Jahre seit dem Verkauf des Dänischen Westindiens an die USA. Heute verheißt das Inselleben wehende Palmwedel, weißen feinen Sandstrand und frischvermählte, händchenhaltende Paare in den Flitterwochen. Aber derlei Postkartenmotive übertünchen nur die gewalttätige und komplizierte Geschichte von St.Thomas, St. Croix und St. John, die mehr als 250 Jahre zu den dänischen Kolonien zählten. ‘Blind Spots’ zeigt Landkarten, Zeichnungen und Alben voller Familienfotos in Hülle und Fülle, neben Stücken zeitgenössischer Künstler wie La Vaughn Belle, Jeannette Ehlers und Nanna Debois Buhl, deren Arbeiten auf ganz  unterschiedliche Art das emotionale Nachleben des Kolonialismus und seine schädliche Wirkung auf politische Autonomie und persönliche Handlungsfähigkeit untersuchen. ‘RUN AWAY’ beginnt eine Anzeige in der Royal Danish American Gazette aus dem Jahre 1771, ‘from Mary Alletta Heyliger, a well-fet Creole Negroe fisherman, named Peter, formerly the property of Mrs. Harps.’ [RUN AWAY … von Mary Alletta Heyliger, ein wohlgenährter kreolischer schwarzer Fischer namens Peter, zuvor in Besitz von Mrs. Harps.’] Die Überschrift liest sich sowohl als Beschreibung Peters wie auch als Imperativ, der dringend zur Flucht mahnt.

 

 

 
ENTDECKEN

Ein klarer, ausgiebiger Blick auf die Conditio humana

Die Moralphilosophin Mary Midgley, 1919 geboren, wuchs in der Londoner Vorstadt Greenford auf und studierte Literatur am Somerville College in Oxford neben Iris Murdoch, Elizabeth Anscombe und Philippa Foot fort. Dass der 2. Weltkrieg solch einen brillanten Jahrgang an Philosophinnen hervorbrachte, war ihres Erachtens nach kein Zufall: ‘Ich denke die Tatsache, dass es keine Schar junger Männer gab, die uns ablenkte, hat uns geholfen. Es schien keine Zukunft zu geben, dementsprechend dachte auch niemand an die Karriere.’ Trotz dieses verheißungsvollen Anfangs arbeitete Midgley jahrelang im Stillen, bevor sie ihr erstes Buch Beast and Man im Alter von 59 Jahren veröffentlichte; es folgten noch mehr als ein Dutzend weitere. In ihrer Arbeit untersucht sie weitestgehend, wie die Wissenschaft ein Ersatz für die Religion geworden ist, von der sie glaubt, dass beide dabei zu kurz kommen: Sie geht davon aus, dass Moral, Identität, Ambitionen und freier Wille allein durch Synapsen und Zellen zu erklären, das Ganze zu stark vereinfachen würde. ‘Human life [is] like an enormous, ill-lit aquarium which we never see fully from above, but only through various small windows unevenly distributed around it,’ [‘Das menschliche Leben [ist] wie ein enorm großes, schlecht beleuchtetes Aquarium, das wir nie im Ganzen von oben betrachten können, sondern nur durch einzelne kleine Fenster, die ungleich verteilt sind’], schreibt sie. Dieses Eingeständnis unserer menschlichen Grenzen spiegelt sich in ihrer fundamentalen, rational begründeten Verteidigung der Demut wider. Unsere prähistorischen Vorfahren, so führt sie aus, ‘überlebten, indem sie sich Eigenschaften zu Nutze machten, die im Grunde die Wurzel aller Wissenschaft bilden – Aufgeschlossenheit, Vielseitigkeit, Realismus, der Wille zu lernen.’

 

 

 
INTERVIEW

Über das Schreiben wie in Trance und doch immerzu mit Kalkül

Italo Calvino (1923-1985) wurde am Stadtrand von Havanna geboren und ist in Italien aufgewachsen. Sein Vater, ein Landwirt, baute in den Hügeln Liguriens Avocados und Grapefruits an, und Calvino begann Agrarwissenschaften zu studieren. Als der 2. Weltkrieg dazwischen kam, schloss er sich dem Widerstand der Partisanen an. Von seinen Kriegserfahrungen erzählte er in seinem ersten Roman, Wo Spinnen ihre Nester bauen (1947 bzw. dt. 1965), eine neorealistische Arbeit, die auf keinerlei Art die vielen Formen und Genres erahnen ließ, mit denen und innerhalb derer er noch experimentieren würde. Calvino war ruhelos und innovativ, er schrieb Fabeln und Science-Fiction, eine Autobiographie sowie Essays – sie alle zeugen von seiner wilden Intelligenz und einer großen Verspieltheit. Die Erzählsammlung Cosmicomics (1965 bzw. Dt. 1985), Romane wie Die unsichtbaren Städte (1972 bzw. 1977) und Wenn ein Reisender in einer Winternacht (1979 bzw. 1983) und seine historische Trilogie Unsere Vorfahren zählen zu seinen am meisten geschätzten Büchern. Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen (1973 bzw. 1978), ein weniger bekannter Roman, begann als Exegese eines Stapels Tarot-Karten aus der Renaissance. ‘Jeden Morgen sage ich mir: “Heute muss es ein produktiver Tag werden” – und dann passiert etwas, das mich vom Schreiben abhält’, so Calvino im Gespräch mit The Paris Review. Es gibt immer ‘irgendein bürokratisches Wirrwarr, mit dem ich mich auseinandersetzen muss. Irgendwann komme ich dann tatsächlich zum Schreiben, und dann beginnen die wirklichen Probleme.’ Calvino verstand intuitiv, dass schnörkellose, natürlich klingende Prosa das Ergebnis intensiver innerer Bearbeitung ist bzw. der sprachlichen Politur darstellt. ‘Ich könnte versuchen zu improvisieren’, schrieb er im Vorfeld des Treffens mit einem Journalisten, ‘aber ich glaube, dass ein Interview gut vorbereitet sein muss, um spontan zu klingen.’

 

 

 
KINO

Hüte Dich vor Zirkusartisten, die überirdische Geschenke mit sich herumtragen

Bis in die 1950er bestand das Kino in Sri Lanka im Wesentlichen aus Srollywood – Lied- und Tanzsequenzen und romantische Erzählstränge, die für ein singhalesisches Publikum ein bisschen nachlässig überarbeitet wurden. Rekava (The Line of Destiny), Lester James Peries’ Drama aus dem Jahr 1956, ist jedoch an den Stellen meditativ und organisch, wo seine Vorgänger glatt und nachgemacht wirken. Der Film ist das aufregende Portrait des Landlebens, das vor realer und imaginärer Magie nur so pulsiert. Stelzenläufer Miguel besucht mit seinem zahmen Affen ein Dorf, um seine Tricks gegen Bezahlung aufzuführen. Als zwei Diebe versuchen ihn auszurauben, interveniert ein Junge namens Sena und der Zirkusmensch liest ihm zum Dank aus der Hand. Es sieht so aus, als ob Senas Zukunft mehr zu bieten hätte: Sein Los ist es, dem Dorf Heilung und Würde zu bringen. Später, als ein Mädchen namens Anula ihr Augenlicht verliert, und die Mediziner im Dorf nichts dagegen ausrichten, ist es Senas Berührung, die sie wundersamerweise wieder sehen lässt. Er wird als Held gefeiert, und sein Vater, ein Geldleiher, versucht, das Talent seines Sohnes zu verhökern. Diese Wendung in Richtung Ausbeutung bricht den Bann von Senas Magie, mit katastrophalen Folgen. Für die Goldene Palme nominiert, war Rekava in Sri Lanka zwar kein Kassenschlager, wird aber inzwischen als Klassiker anerkannt. Beachtenswert ist insbesondere auch der fantastische Soundtrack des singhalesischen Komponisten Sunil Santha.

 

 

 
LESEN

Protagonisten in zwiegespaltener Unzufriedenheit

Sieben von 14 Geschichten aus der Sammlung von Ottessa Moshfeghs Homesick for Another World wurden in The Paris Review veröffentlicht, was verdeutlicht, wie sehr diese elektrisierende junge Autorin als aufgehender Stern am Himmel der zeitgenössischen Belletristik geschätzt wird, eine Stimme von und für ihre Generation. Moshfeghs Mutter ist Kroatin, ihr Vater stammt aus dem Iran, sie selbst wurde in Boston geboren. Ihre Literatur ist voller Scharfsinn, Auflösung und Humor, in verblüffend direkter Prosa, durchdrungen von ironischer Unverblümtheit. Ihre Protagonisten sind typischerweise ganz verwirrt darüber, wie ihr Weg weitergehen soll. ‘Eileen wurde so wie ich in New England geboren,’ sagt Moshfegh über die titelgebende Anti-Heldin ihres Romans von 2016. ‘Ihre Persönlichkeit und ihre Leidenschaften sind mir vertraut, auch wenn meine Familie überhaupt nicht so ist wie ihre. Sie leidet an sogenannter ‘existentieller Dissonanz’, der Vorstellung glücklich sein zu müssen, weil man in Amerika geboren wurde.’ Homesick for Another World zu lesen, schreibt der Kritiker Dwight Garner, sei ‘wie jemanden beim Grinsen zu beobachten, den Mund voller Blut.’ Moshfegh teilt sparsam dosierte Schläge aus, bei der ihre Protagonisten keine andere Wahl haben, als sie mit einem Grinsen anzunehmen und zu ertragen.

 

 

 
BESUCHEN

Eine japanische Ruine, eindrucksvoll zu neuem Leben erweckt

Die Burg Fukuoka im Süden Japans zieht gewöhnlich Touristen an, die sich von der Militärgeschichte angezogen fühlen: das Fort wurde von Kuroda Nagamasa, dem Herrscher des Feudalgebiets Fukoka (auch: Chikuzen), zu Ehren von Tokugawa Ieyasu errichtet, dessen Shōgunat ab 1600 Japan beherrschte, bis zur Meiji-Restauration von 1868, mit der das Shōgunat abgeschafft wurde. In der lakonisch klaren Zusammenfassung einer Kyushu Tourismus-Webseite heißt es: ‘Burg Fukuoka war die beste Burg. Jetzt sind nur noch ein paar zerstörte Mauern und einige wenige Türme davon übrig. Bis zum 28. Januar 2018 wird das Kunstkollektiv TeamLab in diese majestätische Ruine eindringen und sie mit ein Paar interaktiven Outdoor-Installationen neu beleben. Animals of Flowers, Symbiotic Lives in the Stone Wall – der Titel hält, was er verspricht: Tiersilhouetten und farbenprächtige Blumen werden an die 8,5 Meter hohen Steinwände projiziert. Bei Resisting and Resonating Ovoids and Trees, schmiegen sich ei-förmige Objekte in die Äste des umgebenden Waldes, die die Geräusche und das Licht je nach menschlicher Präsenz in verschiedenen Farben wiedergeben. Antike Geschichte wird dadurch wieder lebendig, zart und unerwartet – und sicherlich Lichtjahre von dem entfernt, was Fürst Nagamasa vorhergesehen haben mag.

 

 

Illustrationen von Jeffrey Cheung

‘If you believe in fate, believe in it, at least, for your good.’

Ralph Waldo Emerson