Das Kompendium

Januar 2017

Schauen wir uns den bescheidenen Mistkäfer an: Wissenschaftler haben erst jüngst bemerkt, dass diese Insekten ihre kleinen Mistkugeln nach dem Leuchten der Milchstraße ausrichten – eine Referenzlinie, die so groß ist, wie man sie sich nur vorstellen kann, aber die dennoch so selten vom modernen Menschen wahrgenommen wird. Wir mögen beim Horizont entweder an etwas Alltägliches denken – Horizon ist der Name eines kleinen Örtchens in der kanadischen Provinz Saskatchewan – oder mit Neil Armstrong an etwas Fantastisches und Herrliches, der sagte, als er die ‘perfekte Oberfläche’ vom Rande der Welt aus solcher großen Höhe erblickte, dieser Ausblick sei ‘sehr zu empfehlen.’ Der Ort, an dem der Himmel auf Land oder Wasser trifft, ist ein nützlicher Prüfstein, um dem Spiegelsaal der Moderne zu entfliehen. Auch wenn der Tau des Neuen, des Unvorhergesehenen und Unvorhersehbaren den Puls beschleunigt; an Horizonte zu denken, stellt uns die schöne Würde der Distanz wieder her und verspricht, wie eine Atempause, einen verdammt guten Ausblick am Ende des Tages.

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LEUTE

Auf der Spur einer ‘barnstormenden’ afro-amerikanischen Pilotin.

Bessie Coleman, die erste Afro-Amerikanerin, die einen Pilotenschein erworben hat, wurde 1892 in ärmliche Verhältnisse in Texas hineingeboren: ein Jahrzehnt vor Beginn der modernen Luftfahrt und weniger als dreißig Jahre nach dem Ende der Sklaverei in Nordamerika. Als sie von ihrer Ausbildung in Frankreich zurückkehrte, wurde sie von der schwarzen Presse triumphal empfangen, während der überwiegende Rest sie mit kalter Gleichgültigkeit bedachte. Während eines zweiten Aufenthalts in Europa erzielte sie Höchstleistungen mit ihren Stunts – womit sie sich in der gefährlichen Melange aus menschlicher und flugtechnischer Akrobatik hervortun konnte, die als ‘Barmstorming’ bekannt wurde, und die unter Amerikanern äußerst beliebt war. Wie viele ihrer Zeitgenossen, stürzte auch ‘Queen Bess’ irgendwann das erste Mal; aber sie setzte ihre Flüge fort, beeindruckte die Massen und inspirierte eine Generation von Fliegern (und einigen wenigen Fliegerinnen). Doch ein späterer Unfall erwies sich als tödlich: Der Schraubenschlüssel eines Mechanikers blockierte ihr Flugzeuggetriebe und Coleman stürzte im freien Fall ab. Denn um vor ihrer Flugshow am nächsten Tag einen klaren, ungehinderten Blick auf die Landschaft zu erhalten, hatte sie ihren Sicherheitsgurt gelöst.

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HÖREN

Ein Pionier der Elektro-Musiker lockt eine vielgeachtete Interpretin weg von Chopin.

Geboren in Südkorea, machte SooJin Anjou als klassisch ausgebildete Pianistin an der New Yorker Juilliard School 2002 ihren Abschluss, und studierte im Anschluss weiter in Budapest und Berlin; sie legt bei Mozart und Chopin dieselbe fingerfertige Leichtigkeit an den Tag wie bei neuen Arbeiten von kontemporären Künstlern wie Valentin Silvestrov und David Del Tredici. Kürzlich nahm sie an einem ‘multi-sensorischen’ kulinarischem Konzert mit dem Koch Joseph Rupp teil und feierte ihr Debut mit einer Aufnahme der vollständigen Klavierarbeiten von Morton Subotnick. Subotnicks Silver Apples of the Moon, erstellt mit einem Modularen Synthesizer von Buchla, wurde 1967 veröffentlicht und 2010 in die nationale Sammlung von Tonaufnahmen (National Recording Registry) der amerikanischen Kongressbibliothek aufgenommen. Das Album machte ihn zum Pionier der Elektro-Musik und in Anjou fand er eine würdige Interpretin seines Werkes.

ENTDECKEN

Die Fotografien von Sze Tsung Leong sind zwar flach, aber nicht oberflächlich.

Sze Tsung Leong hat Wege in ferne Weiten auf sich genommen, um Fotos der Horizontlinien um den gesamten Erdball machen, und hat damit in den Vordergrund geholt, was eigentlich meist weit im Hintergrund bleibt. In der schlicht ‘Horizons’ betitelten Serie, die er 2001 begann, liegen die Horizontlinien Print für Print auf exakt derselben Höhe. Nebeneinander gestellt verschmelzen die Landschaften ineinander, und man kann sich vorstellen, wie eine weit entfernte Gestalt aus der Seine tritt und direkt weiter nach Venedig läuft. Eine Mondlandschaft in Cuidrach auf der schottischen Insel Skye liegt so neben den Gewässern des isländischen Flusses Skeitharársandur. Leong mag es, seine Fotos zur schattigen Mittagszeit oder bei bedecktem Himmel zu schießen und dabei geht er furchtlos vor – um den richtigen Winkel in Kairo zu finden, kletterte er auf den altehrwürdigsten Müllhügel der Stadt.

LESEN

Eine Sammlung ansprechender Karten, um die Seele zu vermessen und vektorbasierten Perfektionismus entgegen zu treten.

Unser persönliche Kompass mag gleich scheinen, abgesichert durch den langen Arm Googles in unseren Hosentaschen. Nichtsdestotrotz erinnert uns Katharine Harmons Kollektion exzentrischer Kartographie You Are Here: Personal Geographies and Other Maps of the Imagination, dass wir immer nur vermuten können, welcher Weg nach oben führt. Auf einer der dort versammelten Landkarten, inspiriert von Italo Calvinos Die unsichtbaren Städte, vermischt Joyce Kozloff Medien und Formen, um auf Aspekte von Marco Polo und Kublai Khan zu lenken, während William Wegman mit Vacationland alte Postkarten über eine wunderschöne Karte mit Sehenswürdigkeiten verteilt. Sogar noch wunderschöner: zwei pastellfarbene Herzen, nach viktorianischen Lithographien modelliert. Das Herz eines Mannes zeigt ein ‘Land of Living it up’ und eine ‘Memory of Mother Moat’, das Herz der Frau ein ‘Monument of Hero Worship’ in ‘Love of Love Land’. Romantische Tropen zu sehen, wo wir Herzkammern erwarten, kehrt die Stereotype ins ironisch-schelmische. Weder starr noch festgelegt, formen-verschieben, treiben und akkumulieren die Karten ihr Gepäck, jeweils abhängig von der Perspektive dessen, der sie angefertigt hat.

AUSBLICK

Von den Straßen Taipehs bis hin zum gespenstischen Voyeurismus eines Traums, von Videokunst für Selbsthypnose.

In Disappearing Landscape, einem Triptychon, bestehend aus einem Video des taiwanesischen Künstlers Goang-Ming, zeigen Kamerafahrten ein umherschweifendes Panorama. Sie gleiten durch ein nobles Apartment in der Stadt vor und zurück, bevor das Ganze in eine ähnliche, jedoch verfallene Wohnung überblendet, dann unter einem Baldachin im Regenwald weilt, um zu einer Auto-Verfolgungsjagd über die breiten Boulevards von Taipeh überzugehen. Die Kameras treiben wieder zurück in die vertraute Wohnung, um einen älteren Mann vorzufinden, der offensichtlich gerade Qi-Gong praktiziert – oder vielleicht auch mit einem Geist Walzer tanzt? Diese Arbeit ist der ungewöhnliche Begleiter von Chiho Aoshimas halluzinatorisch animiertem Video City Glow (2005), oder einer Tarkowskieschen Komposition, jedoch befreit von dem Gewicht poetischer Intentionen. Goang-Ming entpuppt sich als ein wenig frech, sogar wenn er die Fantasie anregt und stillt, wenn er in komplexen Themenbereichen der Wahrnehmung wie dem allmählichen Wandel über die Zeit und die tausend widernatürlichen Erschütterungen, die daraus resultieren, dass wir uns auf Technologien eingelassen haben. Goang-Ming ist ein Meister der Wiederholung von mitreißenden Gegensätzen.

INTERVIEW

Javier Marías erzählt The Paris Review von seiner Arbeit, seinen Einflüssen und seiner Eine-Seite- pro-Tag-Methode.

Als der spanische Schriftsteller Javier Marías ein kleiner Junge war, las ihm seine Mutter zum Einschlafen die Ilias vor. Kein Wunder, dass Homer zu denen zählt, dessen Stil er in einem zweiten Roman Voyage Along the Horizon (Travesía del horizonte) nachgeahmt hat. 1973 veröffentlicht, als Marías ein altkluger 23-Jähriger war, geht es um einen namenlosen Erzähler, der die überlagernde Geschichte eines unveröffentlichten Romans erzählt – über die Expedition einer Gruppe von Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern, die in der Antarktis eine Zusammenarbeit geplant haben (unter ihnen der tote Autor des Romans); die urgewaltige Weite des Schauplatzes wird ständig durch so drängende wie besorgniserregende Ereignisse (Entführung, Mord und ein Duell) gestört. Dreiunddreißig Jahre nach der Publikation erklärt Marías gegenüber The Paris Review, dass diese frühe Arbeit noch immer gedruckt werde, weil sie ‘weder autobiographisch’ ‘noch prätentiös’ sei, sie versuche auch nicht, ‘etwas noch nicht Gehörtes oder Neues’ zum Ausdruck zu bringen, sei dafür aber ‘gut lesbar und lustig’. An die Schriftsteller unter uns – bitte wirklich zu Kenntnis nehmen.

BESUCHEN

Ein atemberaubendes, frostiges Paradies in der kanadischen Arktis.

Ein freier Himmel ist vielleicht die abstrakteste visuelle Einheit, der wir in der Natur begegnen können, um so mehr, da wir dazu neigen, der irreführenden perfekt ebenen Linie der Zeichner und Künstler zu vertrauen. Aber findet man einen Platz mit genug freiem Raum, nimmt man die Krümmung wahr. Wenn man dann noch ein paar Referenzpunkte festlegt, kann man sich rasch orientieren. Im Sirmilik National Park gibt es umschiffbare Horizonte, die sowohl schroffer als auch sehr vielfältig sind: Eisberge, Berge, Gletscher, Täler und die rotfesligen Hoodoo Formationen entlang der Arktischen Kordillere; das stark gegliederte Gebirge erstreckt sich zwischen Ellesmere Island und Labradorsee. Das kurze Zeitfenster, in dem Besuche möglich sind, fällt auf März bis Mai, wenn die Fjorde noch zugefroren und begehbar sind, und wenn die Sonne (wie die Legende der Inuit besagt) nicht länger am Ende des Randes vom Eis und der Lethargie des Winters heruntergezogen wird. Für Ihr persönliches Inuktitut Wörterbuch haben wir hier zwei wichtige Ausdrücke: iqaluk (der köstliche arktische Saibling) und qiuliqtunga (‘Mir ist kalt’).

AUFSUCHEN

Basim Magdy untersucht die Räume zwischen und in uns.

2016 enthielt das Satellitenprogramm des Jeu de Paume die Ausstellung ‘Our Ocean, Your Horizon’ im Museum für zeitgenössische Kunst in Bordeaux CAPC (CAPC Musée d’art contemporain de Bordeaux). Eine der Arbeiten aus diesem Quartett von Klang- und Videoprojekten kann man noch bis zum 29. Januar 2017 besichtigen: No Shooting Stars des ägyptischen Künstlers Basim Magdy. Viele seiner Videolandschaften könnten fast der Sirmilik-Nationalpark sein, bieten sie doch eine ähnliche Träumerei der Abgeschiedenheit. Solche widerhallenden, offenen Entfernungen scheinen für Magdy eine natürliche Entwicklung darzustellen; Magdy, der oft die Kluften zwischen den Menschen behandelt hat, sogar jene, die zunächst so wirken, als bewegten sie sich in intimen Gefilden des anderen. In diesem Kontext scheint seine Arbeit mit der Behauptung Sze Tsung Leongs zu korrelieren: ‘In Richtung des Horizonts zu dringen, impliziert, sich dem Äußeren, dem Ungesehenen, dem Unbekannten, dem Fremden zu nähern.’ Auch wenn Lichtjahre zwischen den Sternen liegen, versammelt man genug davon und man hat eine Galaxie; für die Menschheit ist das eine ergreifende Metapher – und dem Mistkäfer dient sie, die Milchstraße, als ausgezeichneter Kompass.