Das Kompendium

Februar 2018

Mitte Februar verzeichnen wir ein Ereignis, dessen zeitgenössische Ausprägung fast universal in der westlichen Welt ist und sich großer Beliebtheit erfreut: das Fest des Heiligen Valentin. Geoffrey Chaucer wird oft als der Erste aufgeführt, der zu diesem Anlass ein Gedicht verfasst habe; sein Parliament of Fowles enthält die erste gesicherte Erwähnung des Datums als amouröses Ereignis – laut zwitschernde, lustvolle Vögel im Garten der Liebe. Während wir amour am Valentinstag feiern, sollten wir vielleicht auch jene andere Beziehungsform berücksichtigen, die darüber hinausgeht im Sinne einer erweiterten Form der Nächstenliebe. Die wurde im frühen Christentum agape bezeichnet und ist in so vielen spirituellen Traditionen präsent. Also nehmen wir den Februar zum Anlass, um an die wenigen, vorbildlichen Menschen unter uns zu erinnern, die für das Recht auf zwischenmenschliche Beziehungen in all ihren diversen Formen gekämpft, gerungen und sich aufgeopfert haben.

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KINO

Die feinfühlige Fabel eines brennenden jungen Herzens

Lucía Puenzo ist sowohl Romanautorin als auch Regisseurin, und ihre zurückhaltenden Filme zeugen von einer subtilen Suggestionskraft, die an einen Prosaautor erinnert, der mit einer leichteren Version des Dénouement (Theatertechnik der Auflösung) arbeitet. XXY (2007) erzählt die Geschichte von Alex, ein passenderweise androgyner Name für einen intersexuellen Jugendlichen, der vor kurzem aufgehört hat Hormone zu schlucken, welche seine männliche Seite unterdrückt haben. Die Familie von Alex lebt in einem abgelegenen Teil Uruguays, wo der Vater als Meeresbiologe forscht, unter anderem über den Clownfisch – eine Gattung, die sequentiellen Hermaphrodismus aufweist, wobei das Männchen zum Weibchen wird. Ein Chirurg für plastische Chirurgie aus Buenos Aires besucht die Familie und bringt seine Frau und seinen Sohn Álvaro mit, einen Jugendlichen, dessen Sexualität zwar uneindeutig ist, der sich aber ganz eindeutig zu Alex hingezogen fühlt. Die kalte Beurteilung des menschlichen Körpers durch den Chirurgen und die fieberhafte Intensität einer frühen Verliebtheit bilden die dissonanten Elemente in Puenzos einfühlsamer Beschreibung der Liebe, die von der ersten Liebe reicht über die glühende Elternliebe bis hin zur Herausforderung, sich selbst zu lieben. Der Film wirkt wie eine frühe Version – nicht schlechter, aber anders – von Call Me by Your Name, dem verführerisch schönen Film aus dem letzten Jahr.

 

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ANHÖREN

Gespenstische Züge tiefster Zuneigung

Im November 2016 starb die queere Komponistin Pauline Oliveros im Alter von 84 Jahren. Oliveros war eine Soundkünstlerin, die ihresgleichen sucht, und arbeitete etwa mit Terry Riley, Morton Subotnick, Steve Reich und John Cage zusammen. Wir können uns glücklich schätzen, dass sie uns, neben einigen anderen Arbeiten,  A Love Song hinterlassen hat, ein wehklagendes, hypnotisierendes Stück Musik, das sich jeder Kategorisierung entzieht. Oliveros musikalische Erziehung und ihr Repertoire sind weitreichend und tief. Sie spielte Akkordeon, Tuba und Waldhorn, studierte dann Komposition, war fasziniert von Elektromusik und Kassetten (sie war eine der ersten Mitglieder des San Francisco Tape Music Center). 1985 für Gesang und Akkordeon komponiert, war ‘A Love Song’ Teil ihres Albums The Well and the Gentle. Das Akkordeon ertönt; der Gesang trägt einen fort. Ihr Maßstab war: ‘Listen to everything all the time and remind yourself when you are not listening.’ (‘Höre auf alles, immerzu und erinnere dich daran, wenn du nicht mehr zuhörst.’) Dieses magische Musikstück hält dich konsequent in seinem Bann.

 

 

 
UNTERSTÜTZEN

Stimmen, die gehört werden wollen und müssen

Australier der indigenen LGBTQI Community sehen sich besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt, um ihr Recht durchzusetzen, frei und selbstbestimmt zu leben und zu lieben. Intersektionelle Diskriminierung hinterlässt bei vielen ein Gefühl von unfassbarer Einsamkeit. 2016 gewann Dameyon Bonson den Dr. Yunupingu Award for Human Rights für die Suizid-Präventionsarbeit, die er in abgelegenen Aborigine Gemeinden geleistet hat. In den 1980er Jahren in Australien aufgewachsen, so schrieb er an die Tageszeitung The Guardian, 'war er bis über beide Ohren verliebt in Han Solo und beneidete Prinzessin Leia während der gesamten originalen Star Wars Trilogie’, und das sogar als er jene Homophobie erlebte, die durch die AIDS Epidemie aufflammte. Er wurde auch Zeuge davon, wie sich sein Vater als indigener Mann für gleiche Rechte einsetzte: ‘Mein Vater lebte, wie viele andere auch, in seinen ersten Jahren ohne die Anerkennung als australischer Staatsbürger. Er trug ein Exemption Certificate (Freistellungsbescheid) bei sich, der auch als dog tags (Hundemarke) oder dog licences (Hundelizenz) verschrien war. Das Referendum von 1967 brachte zwar die Staatsbürgerschaft, der Rassismus hörte jedoch nie auf. Schwächer werdende, jedoch einschneidende Erinnerungen, wie mir 'abo', 'bong', 'coon' im Auto oder zu Fuß entgegen geschleudert wurde, durchdringen all meine Kindheitserinnerungen.’ Bonsons Erziehung und seine Erfahrungen brachten ihn dazu, Black Rainbow zu gründen, eine Organisation, die sich dafür einsetzt, Selbstmord und andere Arten der Selbstverletzung in der indigenen LGBQTI Community (die das Ergebnis von Schikane und Gewalt sind) zu verhindern, wie auch ‘unbeabsichtigten Heterosexismus und eurozentristische Privilegien.' Das Ziel von Black Rainbow ist all diese Krankheiten zu bekämpfen und eine besonders gefährdete Gemeinschaft zu stärken.

 

 

 
HÖREN

Das Auf und Ab der Romantik im Alltag

The Paris Review Podcast verhilft dem ziemlich schönen Papierformat seines angesehenen Magazins mittels einiger wunderbarer Stimmen zu neuem Leben. Episode 2 präsentiert zwei Geschichten über Beziehungen. Die Mode- und Dokumentar-Journalistin Hailey Benton Gates liest Erica Ehrenbergs Prosagedicht Pause at the Edge of the Country, das Tropen der Bewegung und der Stille überblendet, um körperliche Anziehungskraft zu vermitteln. ‘I want to lie in this damp towel in these starched sheets forever while another body that just moved through me clips its toenails and opens a beer,’ formuliert es Ehrenberg. Was auch immer die Erzählstimme denkt oder fühlt, sie weiß, ihr Liebhaber ‘does it back to me, objectifies me, tries to love me, feels contemptuous, gets angry.’ Die Kurzgeschichte My Wife, In Converse, von Shelly Oria wird von der Schauspielerin und Dramatikerin Donnetta Lavinia Grays gelesen. Das warme, leuchtende Timbre von Grays Stimme  fängt die Intimität und Sehnsucht einer lesbischen Ehe ein, die gerade dabei ist zu zerfasern. Orias weibliche Erzählerin genießt es, die Worte 'my wife' (meine Ehefrau) auszusprechen, lässt sie uns wissen, allein wegen des Überraschungseffekts, den sie selbst bei den liberalsten Zuhörern auslöst. Wir bekommen auch den Eindruck, dass sie dies auch so gern wegen der Besitzerschaft ausspricht, die es impliziert. Ihre Ehefrau, die für sich alleine einen Kochkurs besuchen möchte, kommentiert das knapp mit den Worten: ‘We are not one person, you know.’

 

 

 
GARTEN

Eine Landschaft, von leidenschaftlicher Hingabe inspiriert

Der in Großbritannien geborene Portraitkünstler Douglas Chandor (1897–1953) hatte die Ehre Winston Churchill, Queen Elizabeth II., Herbert Hoover, Franklin D. Roosevelt und die First Lady Eleanor Roosevelt zu malen, und einige seiner Portraits hängen im Weißen Haus und im Smithsonian; nichtsdestotrotz liebte er zu sagen, er male, um seinen Garten zu bezahlen. Als Tribut an seine zweite Ehefrau Ina Kuteman Hill erschuf Chandor sieben üppige, miteinander verzweigte Areale im staubtrockenen Weatherford, Texas, einem kleinen Fleckchen Erde westlich von Inas Heimatstadt Fort Worth. Die China-inspirierten Gärten enthalten einen Koiteich, ein ‘Moon Gate’ aus antiken Dachfliesen, eine Rasenfläche zum Bowlingspielen und einen über 6 Meter hohen Wasserfall, der James Cox gehört. Dieser ist der Gouverneur von Ohio, dessen Portrait Chandor angefertigt hatte. Als er von dem liebevollen Traum des exzentrischen Künstlers hörte, ein ambitioniertes Wasserspiel in einem trockenen Landstück zu installieren, entschloss er sich, dieses Projekt zu unterstützen. Der Gärtner Steven Chamblee hat jene Vision am Leben erhalten und modernisiert, indem er 500 Azaleen pflanzte, die das ursprüngliche Konzept eines Frühlingsgartens würdigen und darüber hinaus Jahresblüter wie Bluebonnets (Blaue Wiesenlupinen) und Zinnien, aber auch exotische Pflanzen wie Bogenhanf und Schlangenwurz beinhalten. Für die Öffentlichkeit zugänglich, bildet Chandor Gardens, sehr wenig verwunderlich, den Schauplatz so einiger Hochzeitsfeiern.

 

 

 
BESUCHEN

Ein Haus andauernder Anbetung

Der chilenische Dichter Pablo Neruda widmete seiner lebenslangen Geliebten und dritten Ehefrau Matilde Urrutia eine Sammlung von 100 Sonetten:  'I built up these lumber piles of love, and with fourteen boards each I built little houses, so that your eyes, which I adore and sing to, might live in them.' 1953 baute Neruda Urrutia ein wirkliches Haus, La Chascona in Bellavista, einem Stadtteil in Santiago. Urrutia beschrieb in ihren Memoiren von dem Nachmittag, an dem sie das Grundstück fanden, dieses Stück Land an einem steilen Hang. ‘Wir waren ganz verzaubert von einem Plätschern und Rauschen… ein echter Wasserfall, der von dem Kanal kam, an der Spitze des Ortes. Pablo war voller Freude. “Dies ist das allerschönste, was ich jemals gesehen habe”, sagte er mir.’ Das Paar baute das Haus über mehrere Jahre, mit immer neuen Umbauten; sie wuchsen weniger in das Haus hinein, als dass das Haus mit ihnen wuchs oder neben ihnen. Zunächst war Urrutia immer noch die heimliche Geliebte, die allein in dem Haus lebte, in dem es nur ein Wohn- und ein Schlafzimmer gab. Mit Hilfe des Architekten Germán Rodríguez Arias fügten Neruda und Urrutia eine Küche und ein Esszimmer hinzu, und später eine Bar und eine Bibliothek. Die letzten Elemente, die 1958 hinzukamen, waren das Werk des Architekten Carlos Martner. 'Manchmal kaufte [Neruda] Fenster und Möbel bei Abrissarbeiten’, erinnert sich Martner. 'Ich erinnere mich, einmal hatte er ein Fenster, ein Gemälde und ein Sofa, das er sehr mochte. Er wollte einen Raum schaffen, das alle diese Dinge enthielt, mit dem halbspitzen Fenster, das zur Bergseite gerichtet ist. Er wollte den Raum an das Objekt anpassen, das große Ganze an das einzelne Teil.’ Das Gelände gehört heute zu einem Museum der Pablo Neruda Stiftung und steht Besuchern das ganze Jahr über offen (montags geschlossen).

 

 

 
LESEN

Ein wunderliches Tribut an ein geliebtes Tier

Afterglow ist eine Serie an Liebesbriefen von einer Dichterin an ihren Pitbullterrier. Die taffe, pointierte, niemals schmalzige Eileen Myles adoptierte 1990 einen geretteten Hundewelpen und gab ihm den Namen Rosie, und die beiden lebten zusammen bis zu Rosies Tod in 2006. Myles’ Hommage an das Tier ist so skurril wie zärtlich. Sie imaginiert Rosie, wie sie von einer Spielzeugpuppe interviewt wird, der sie anvertraut, dass ‘eigentlich sie jedes einzelne Gedicht von Eileen Myles ab 1990 bis 2006 geschrieben’ habe und dass sie ihre Besitzerin heimlich ‘Jethro’ nenne und dass sie Jethro immer noch liebe, trotz ihres ‘Gejammers: “Warum kann niemand sehen, dass ich ein Genie bin?”’ In einem anderen Kapitel sammelt Myles Rosies alte Sachen zusammen – eine Flasche Schmerzmittel, einen Plastikkegel – um diese wegzuräumen. Der Futternapf des Hundes lässt sie daran denken, wie ‘die orangefarbene Sauce dein weißes Maul verfärbt hatte.’ Myles weiter über die verstorbene Rosie: ‘You liked snow, and rain and air and sun and the beach. You loved these things and I brought you to them and you smiled.’ ('Du mochtest Schnee und Regen und frische Luft und diese Dinge und ich brachte dich dahin und du hast gelächelt.’)

 

 

 
ENTDECKEN

Zwillinge im Geiste und durch die Perspektive

Bernd und Hilla Becher waren nicht nur miteinander verheiratet, sondern arbeiteten auch sehr eng zusammen. Sie hatten sich in einer Düsseldorfer Werbeagentur kennengelernt und fotografierten bald gemeinsam – sie fertigten ziemlich progressive Bilder von Gebäuden wie Wassertürmen, Hochöfen, Gastanks, Minenköpfen, Kühltürmen und Getreidesilos an. Sie beschrieben diese Fotos ‘anonymer Skulpturen’ typologisch, gruppierten sie in Gittern an, welche die Gemeinsam- und Ähnlichkeiten hervorheben. Bevor sie Bernd traf war Hilla bei Walter Eichgrun als Fotografin in der Ausbildung, einer der Preußischen Hoffotografen. Eichgrun praktizierte und lehrte das, was Hilla ‘direkte, deskriptive Fotografie…’ nannte, ‘klare, saubere Bilder mit dem maximalen Tonwertumfang und Tiefen – mit einer Hingabe an das Objekt.’ Es war eine Philosophie, die sie sich zu Herzen nahm und in ihrer eigenen Arbeit als Architektur-Fotografin umsetzte. Ganz zu Anfang von Bernds Karriere verzauberte ihn das Werbefoto einer Eisenhütte. Als er das Gelände besuchte und es zeichnen wollte, wurde die Eisenhütte demontiert und er hielt es stattdessen auf 35mm Film fest. 1959, zwei Jahre nachdem Hilla und er sich kennengelernt hatten, begannen sie durch Deutschland zu reisen, um die vermeintlich unansehnlichen Gebäude zu fotografieren, deren wahre Schönheit sie erkannten und hervorhoben, indem sie eine Form der Konservierung inmitten der voranschreitenden Deindustrialisierung praktizierten. Einige dieser Gebäude begriffen sie als “nomadische Architektur”, etwa einen Hochofen, der von chinesischen Arbeitern in Luxemburg abgebaut und dann in China wiederaufgebaut wurde. Für ihren einfachen wie gründlichen Liebesdienst – und die durch ihre Arbeit inspirierte Erhaltung einiger Gebäude – erhielten die Bechers 2002 den Erasmus-Preis.

 

 

Illustrationen von Jeffrey Cheung

‘Where do we begin? Begin with the heart.’

Julian of Norwich