DAS KOMPENDIUM

Februar 2017

Intimität ist zwar einfach zu definieren – als enge Verbundenheit und Vertrautheit – aber schwer umzusetzen. Sie ist eingebettet in bestimmte Beziehungsmuster, romantischer und familiärer Natur, aber man muss sie auch pflegen. An öffentlichen Orten ist sie verschmäht: Öffentliches Zurschaustellen von Zuneigung, das über Händchenhalten hinausgeht, lässt dessen Beobachter schwer schlucken. Intimität, die zu privat ist, kann sogar der Seele abträglich sein. Nehmen wir den verstorbenen Dichter Francisco X. Alarcón, dessen sprachliche Begabung ihn aus den Fabrikhallen heraus und hinein in die Universität von Stanford gebracht hat; er spie die Geheimnisse seines Herzens geradezu aufs Papier, erzählte seiner Familie aber nie, dass er schwul war. Und denken wir an Emily Dickinsons intensive intellektuelle Freundschaft mit dem Abolitionisten Thomas Wentworth Higginson, die ausschließlich auf ihrem Briefwechsel beruhte, bis die fast-invalide Dickinson darauf bestand, dass er sie einmal zuhause besuchen käme, als müsse sie sich beweisen, dass er real sei. Notiz an den Verstand: Die menschliche Liebe, in welcher Form auch immer, ist chaotisch.

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ANHÖREN

Sofar: nah und musikalisch

‘Sofar’ ist die Abkürzung für ‘Songs from a Room’ (Lieder aus einem Raum), was mittlerweile ziemlich gut die Mission dieses ‘Geheimkonzert’ Clubs in Barcelona, Berlin, London, Mumbai, New York, Paris, São Paulo und Sydney zusammenfasst. Mitgründer Rafe Offer hatte das Gefühl, keinen Zugang zu den Künstlern zu haben, egal ob die großen Stars in den Arenen spielten oder Lokalmusiker versuchten, die Aufmerksamkeit der Barbesucher zu erlangen, die SMS tippen, sich unterhalten und kaum zuhören. Sofar – was sich auf Schofar reimt, dem Widderhorn, das zum jüdischen Neujahr geblasen wird – geht es nicht so sehr darum zu unterbrechen, als den Fokus wieder neu auszurichten. Die Prämisse ist simpel: Gastgeber stellen einen Raum zur Verfügung; Abonnenten melden sich zum nächsten Termin an und erfahren erst in letzter Minute, wer der Künstler ist und wo er auftritt. Dry the River, Jesca Hoop, We Were Evergreen und der gute alte Vampirheld Robert Pattinson gehören zu den Künstlern, die bisher aufgetreten sind.

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BLEIBEN / UNTERKUNFT

Den hohen Norden Schwedens erklimmen

Alle, die mit Enid Blytons Romanserie Der Wunderweltenbaum (The Faraway Tree) groß geworden sind, wird es zum Treehotel im schwedischen Lappland hinziehen, in dem die Zimmer auf Stelzen und die Stelzen aus Baumstämmen gebaut sind. Das Treehotel geht auf Britta und Kent Lindvall zurück – sie macht das Motel, er bietet Angeltouren an – und ist ein ökologisch verantwortungsbewusstes Paradies voller gutem und individuellem Design. Jede der anheimelnden, kuscheligen Baumhäuser wurde von einem anderen Architekten entworfen, um im Glanz der Nordlichter im Winter einzutauchen oder die Mitternachtssonne im Sommer zu erleben. Die wohl bekannteste Unterkunft bildet der Mirrorcube von Tham & Videgård, ein wundervolles Meisterstück der Camouflage, das Schlafmöglichkeiten für zwei bietet; der Neuzugang von Snøhetta ist aus verbranntem Holz erschaffen und hält Schlafplätze für vier Personen bereit. Eine Kiefer erstreckt sich auch direkt durch den Boden, der aus einem Netz aus Tauen besteht, und wiegt alle jenen Gäste in den Schlaf, die wie die Vögel im Freien schlummern möchten.

KINO

Liebe in dreifacher Ausführung, von Hou Hsiao-Hsien aus Taiwan

Three Times ist der 70. Film des gefeierten taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-Hsien – und vielleicht sogar sein schönster. Seine drei Liebesgeschichten springen zeitlich von 1966 zu 1911 und 2005; bei jeder der drei Geschichten hat er dieselben Schauspieler eingesetzt. Ein Soldat umwirbt die Bedienung einer Poolbillard-Halle; ein Mann mit großen Träumen besucht eine Prostituierte in einem Bordell; ein Fotograf verliebt sich in eine Popsängerin, die von einem anderen Geliebten und ihrem blinkenden Telefon abgelenkt ist. Die Paare kennen die Liebe nur, wenn sie zusammen sind; aber wir werden auch eingeweiht in die Zeit, die sie voneinander getrennt sind. Zusammengefasst bildet der Film eine gelungene Studie über Einfachheit und Sehnsüchte.

ENTDECKEN

Der legendäre Triumph von Mildred und Richard Loving

‘Wir haben am 2. Juni geheiratet, und die Polizei holte uns am 14. Juli ab’, erinnert sich Mildred Loving in der mündlichen Erzählung ihres Falls, den sie und ihr Mann gegen den Staat Virginia vor Gericht brachten und den Hollywood in dem Film Loving jüngst wieder ins Gedächtnis gerufen hat. Mildred and Richard Loving, für die wirklich Nomen est Omen galt, wurden zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie ‘eine Person anderer Rasse’ geheiratet hatten. Sie zogen nach Washington, D.C., um der Haftstrafe zu entgehen, wollten dann jedoch aus Heimweh mit ihren drei Kindern zurück nach Virginia. Die American Civil Liberties Union (ACLU) erklärte sich bereit, sie zu vertreten und der Fall wanderte bis zu dem höchsten Gericht des Landes, das 1967 zu ihren Gunsten entschied. An ihrer Geschichte ist bemerkenswert, wie beständig und unspektakulär ihre verbotene Liebe war – so weit entfernt von glamourösen Leinwandpaaren.

LESEN

Ein Dichter mit einzigartiger, exquisiter Stimme

Francisco X. Alarcón, der letztes Jahr verstorben ist, hat neun Gedichtbände verfasst, in Mexiko und Kalifornien studiert, als Wanderarbeiter und in einer Fabrik gearbeitet, ist dann an der Stanford Universität gelandet, wurde Professor und war eine der zentralen Figuren der Dichterszene von San Franciscos Mission District. Er schrieb auf Spanisch und Englisch, übersetzte seine eigenen Verse und sprach Französisch, Portugiesisch sowie Nahuatl, eine indigene Sprache Mexikos. Er war darüber hinaus schwul, etwas, das er vor seiner katholischen Familie Geheim hielt, aber wovon er in seiner Dichtung bewegend schrieb. Of Dark Love, 1991 veröffentlicht, versinnbildlicht die Kulmination homoerotischer Sensibilität und gleichzeitigem politischem Aktivismus. ‘Be the ax that breaks this lock,’ trägt der Sprecher seinem Geliebten auf. ‘There has never been sunlight for this love, / like a crazed flower it buds in the dark.’ Später versuchte Alarcón sich von der ersten Person zu befreien, indem er Haikus schrieb. Er verfasste auch zweisprachige Kindergedichte: Sie seien ‘das Beste, was ich in meinem Leben gemacht habe.’

INTERVIEW

Andrés Barba spricht mit The Paris Review über Geschlecht und Sensibilität

‘Die Quintessenz der Literatur ist das Feld des Privaten, die intime Welt, das “Nichtkommunizierbare”’, erzählt Andrés Barba der The Paris Review. Barba ist der Autor zwölf spanischsprachiger Romane. Sein jüngstes Werk, August, October ist eine dunkle Erzählung zur Adoleszenz, in der Tomás, ein Teenager, mit seiner Familie im Urlaub ist und sich auf eine wilde Gruppe einheimischer Jungs einlässt; und dies nach der Vergewaltigung eines jungen Mädchens bereut. ‘Am Sex bin ich nicht per se interessiert – ich hasse Autoren, die Sex benutzen, um zu schockieren – so sehr, dass ich eher darauf aus bin, was um den Sex herum passiert’, so Barba. ‘Die Menschen, die wir werden, der Graben, der sich öffnet zwischen dem, was wir fühlen und dem, was wir wünschten zu fühlen.’ August, October fängt eine Intensität der Gefühle zwischen Familienmitgliedern ein, insbesondere zwischen Tomás und seiner kleinen Schwester Anita, die ihm Gesellschaft leistet, als er krank wird, ‘auf dem Boden sitzend mit einem Taschentuch vor dem Mund gebunden wie ein Mini-Bankräuber.’

AUFSUCHEN

Eine Ausstellung in São Paulo von heiliger Inspiration

In seinem Sonnengesang (1225) beschreibt der Heilige Franz von Assisi liebevoll die Natur als Familie – ‘Schwester Mond und die Sterne’, ‘Bruder Wind’. Dieser Choral inspirierte den Kurator Felipe Chaimovich dazu, den ‘Natureza Franciscana’ (‘Die Natur des Franziskus’) zusammenzustellen, eine wichtige Ausstellung im Museu de Arte Moderna de São Paulo, die 2016 lief. Dreißig Arbeiten von ökologischen Künstlern wie Lucia Koch, Paulo Lima Buenos und Thiago Rocha Pitta verbinden die Elemente (Sonne und Feuer, zum Beispiel) und Themen (Krankheiten und Prüfungen), welche Franz erwähnt hat.

ESSEN

Bei Motoï führt Vertrautheit zu Lust auf mehr

Improvisationen japanischer Küche des französisch-geprägten Kochs Motoi Maeda kann man im Motoï kosten, einem Restaurant in Kyoto, das in einem traditionellen japanischen Zuhause betrieben wird. Es gibt einen friedlichen Garten, zurückhaltende Beleuchtung und ein großartiges Menü mit vielen, kleinen Gängen (zehn zu Mittag, dreizehn am Abend). ‘Da wir die besten Zutaten der Saison anbieten’, warnt Motoï seine englischsprachige Kundschaft, ‘können die Gänge gleichbleibend sein, wenn man uns ein paar Mal im Monat besucht.’ Diese Vertrautheit könnte zu ungewöhnlichen, aber wundervollen neuen Leibspeisen führen – wie etwa ungewöhnliche Pasteten und Windbeutel mit Topinambur, serviert mit einem Glas Champagner.