Das Kompendium

Dezember 2017

In dieser besonderen Zeit des Jahres, wenn uns Behaglichkeit als Klischee erreicht, kann sich selbst die disziplinierteste Einsamkeit weniger wie Freiheit denn als Exil anfühlen. Lassen Sie uns dann tapfer im Hinterkopf behalten, dass uns Spannungen und Brüche in der Familie und zwischen engen Angehörigen auf ihre Art sehr bereichern.

typeCode

ESSEN

Essen auf kleinem Raum für Pflanzenliebhaber und andere: Farm Spirit, Portland

Sie müssen nicht vegan leben, um in den großen Geist von Farm Spirit in Oregon einzutauchen, einem kleinen Lokal in Portland, das sich der rein pflanzlichen Küche verschrieben hat. Koch Aaron Adams und sein kleines Team schöpfen aus der unmittelbaren Umgebung des üppig grünen Cascadia, einem Abschnitt des Pacific Northwest, der für seinen neblig-kühlen Regenwald und dessen fantastischen Produkte bekannt ist. Dort werden Gerichte kreiert, die ebenso deftig wie delikat sind, zum Beispiel geräucherte Walnüsse mit dem brackigen Aroma von Reseda, geröstete Pfirsiche mit Sirup aus Szechuan Pfefferkornsirup und Wassermelonen-Kürbis-Quiche. Das hört sich an, als sei es dem feierlichen Festschmaus der wilden Waldtiere aus Brian Jacques’ Fantasy-Romanen seines Redwall-Zyklus entsprungen. Alle Zutaten der Speisekarte – von Obst und Gemüse bis hin zu Hülsenfrüchten, Nüssen, Ölen und Getreide – stammen aus dem Umland in einem Radius von 100 Meilen. Das Abendessen wird von mittwochs bis samstags um 19 Uhr serviert, in einer geselligen Runde, die Raum für lediglich 14 Personen bietet. Das Ganze sei eher ‘Abendgesellschaft als bloß Abendessen,’ erläutert Adams, der empfiehlt, sich auf einen Cocktail oder Mocktail an die Bar des Farm Spirit zu setzen, die aus dem Stamm einer Esche gehauen wurde.

 

typeCode

 
LESEN

Die ergreifende Suche nach einer Verbindung: Wu Ming Yis The Stolen Bicycle

Wu Ming-Yi ist einer der berühmtesten Schriftsteller Taiwans und wird für seine ansprechende Prosa und Warmherzigkeit geliebt. Sein Roman von 2013, The Man with the Compound Eyes, stellt sich als Science Fiction in der allegorischen Tradition von Margaret Atwood und Haruki Murakami heraus. The Stolen Bicycle (2015) behandelt anderes, aber nicht minder ambitioniertes Terrain. Der Erzähler ist der zeitgenössische Romanautor Cheng, dessen Vater 20 Jahre zuvor verschwand; als Cheng aus dem Nichts heraus eine E-Mail erhält, in der er danach gefragt wird, was mit dem Fahrrad seines Vaters passiert sei, fühlt er sich berufen, dem nachzugehen. Auf seinem Weg begegnet er einem Müllsammler, einem Fotografen vom Volk der Aborigines und den obskuren Geheimnissen eines obsessiven Sammlerclans antiker Fahrräder; aber seine ultimative Entdeckung ist die Beziehung zu seinem Vater, wenn auch nur durch das Prisma der Retrospektive. Um das Buch zu bewerben, fuhr Wu mit einem antiken Rad durch Taiwan und gab dabei Lesungen in unabhängigen Buchhandlungen, bei denen es nur Stehplätze gab. Die Rundreise vereinfachte den Zugang in die sepiafarben gehaltenen Abschnitte des Romans, die vor dem 2. Weltkrieg handelten, als die Menschen sich noch langsamer fortbewegten und mehr Zeit mit der Großfamilie verbrachten. Wus Sätze fangen den damaligen Rhythmus des Landlebens wunderschön ein. ‘Still crouching in the field, the children shout back and forth, each call carrying with it a perfume of rice. One will finish shouting and wait for another’s reply. But sometimes all they hear for the longest time is the sound of the wind.’ (‘Noch immer in den Feldern kauernd, schreien die Kinder einander zu, jeder Ruf getragen vom Reisduft. Wenn der eine sein Rufen beendet hat, wartet er auf die Antwort des anderen. Aber manchmal ist alles, was die Kinder hören, das Geräusch des Windes.’)

 

 

 
ARCHITEKTUR

Ein bewundernswertes Projekt in Süddeutschland

Eine ehemalige Kaserne im Industriegebiet Mannheims ist ein ungewöhnlicher Ort für eine Gitterwandkonstruktion im Freien, bestehend aus unbehandeltem Douglasienholz. Dieses neue Gebäude ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen 18 Architektur-Studierenden der Technischen Universität Kaiserslautern und 25 Flüchtlingen, die erst seit kurzem in Deutschland leben. Die Zusammenarbeit mündete darin, ein Gemeinschaftszentrum in einer örtlichen Flüchtlingsunterkunft zu errichten. Federführend war der ziemlich beeindruckende Gemeinschaftsgedanke. Ein lokales Bauunternehmen setzte das Dach auf der Baustelle ein und übernahm damit den Anfang, während sich Studierende und Flüchtlinge um den ganzen Rest kümmerten, in den Kasernen lebten und das Projekt innerhalb von wenigen Monaten erfolgreich zu Ende stellten. Die zwei Innenhöfe und Rückzugsorte haben unterschiedliche Funktionen. Ein Bereich lässt sich leicht in ein Auditorium verwandeln; der andere lädt zur stillen Kontemplation ein. ‘Aufgrund der Bürokratie sind Geflüchtete, die in Deutschland eintreffen, zur einer langen Phase der Passivität verdammt’, erläutert das Team. ‘Sie werden zwar mit dem Grundsätzlichen versorgt, aber ihre unmittelbare Umgebung ist ziemlich trist und die Gemeinschaftsräume bieten keinerlei Komfort.’ Dieses Projekt dient als Korrektiv. Das gesprenkelte Licht im Inneren und der Anblick der offenen Felder gen Westen vermitteln eine ziemlich optimistische Zukunftsperspektive.

 

 

 
MENSCHEN

Über Dayanita Singh und ihre kraftvollen ‘Romane ohne Worte’

Die Fotografin Dayanita Singh wurde 1961 in Neu-Delhi geboren und begann ihre Karriere als Journalistin mit Dokumentationen. Mit der Zeit veränderten sich die Bilder, an denen sie interessiert war, von neutralen Motiven, die sie immer eine Armeslänge auf Abstand hielten, hin zu intimen Szenen und Portraits. Sie betitelte ein Bild – das am frühen Nachmittag entstanden ist und ein Schulmädchen zeigt, das auf seinem Bett kauert, das Gesicht versteckt vor der Kamera – ‘Go Away Closer’, ein Ausdruck, den sie mit den Worten beschreibt: ‘Was sich zwischen Menschen abspielt. Ich kann nicht mit dir, aber ich kann auch nicht ohne dich leben. So könnte man auch die Liebe an sich beschreiben. Das ist ebenfalls, was es mit der Fotografie auf sich hat – du versuchst verzweifelt, an etwas festzuhalten, aber in dem Moment, in dem du dein Foto machst, ist es bereits Vergangenheit.’ In Anlehnung an Italo Calvino nennt Singh ihre Fotobücher ‘Romane ohne Worte’. 2013 zeigte sie ihre Arbeiten mit einem innovativen tragbaren Gerät, das sie ‘Museum’ genannt hat, eine große Holzkonstruktion, die Platz für 70 bis 140 Fotos beherbergt, und in verschiedenen Konfigurationen mündet – zum Beispiel in einem ‘Museum of Embraces’ oder einem ‘Museum of Chances’. Das kleine Mädchen, das schmollend auf ihrem Bett liegt, gehört zum ‘Museum of Little Ladies’, in dem auch ein Foto der damals gleichaltrigen Künstlerin vertreten ist, aufgenommen von ihrer Mutter.

 

 

 
INTERVIEW

Paula Fox über aufgegebene und neu gewonnene Bande und Weisheit durch Lebenserfahrung

Paula Fox, die diesen März im Alter von 93 Jahren verstorben ist, hatte eine schmerzvolle Kindheit. Sie wurde zur Adoption freigegeben, von ihrer Großmutter zurück beansprucht und danach wie ein Brotkorb herumgereicht. Fox wiederum gab ihr erstes Kind, eine Tochter, ebenfalls zur Adoption frei. (Diese Tochter, eine Selbsthilfe-Autorin namens Linda Caroll, machte sie später ausfindig und sie bauten eine Beziehung zueinander auf; diese reichte nicht weiter bis zu Lindas Tochter Courtney Love (Frontfrau der Rockband Hole und Witwe Kurt Cobains). Fox schrieb neben sechs Romanen und zwei Memoiren für Erwachsene auch mehr als 20 Kinderbücher. Die Biographien waren alle vergriffen bis 1991, als Jonathan Franzen in der Bibliothek einer Künstlerresidenz auf Desperate Characters (1970) stieß und dessen Vorzüge in Harper’s pries, was zur erfolgreichen Wiederauflage führte. Fox’ Arbeit zeigt uns die Angst, die sich selbst in das Leben derjenigen einschleicht, die sehr sesshaft und gebildet wirken – eine Angst, die das Erbe ihrer unbeständigen Kindheit war. ‘Ich sah eine schrecklich schlammbedeckte Gestalt – meine spanische Großmutter – die lange Straße zum Haus hochgehen und in gebrochenem Englisch sagen ‘Sie ist mein Fleisch und Blut’, erinnert sie sich in einem Interview mit The Paris Review. ‘Sie brachte mich zurück nach Kuba. Dann mussten wir Kuba wegen der Revolution verlassen als ich zehn war … Ich nahm alles wie es kam. Revolutionen, Erdbeben, was auch immer.’ Mit Freundlichkeit konnte sie ebenfalls gut umgehen. Sie hatte ein paar gute frühe Jahre, als sich ein Gemeindepfarrer aus Upstate New York um sie kümmerte. ‘Als ich fünf Monate alt war, nahm mich Mr. Corning auf. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, wieso. Ich muss ihn angelächelt haben, oder so etwas in der Art.’

 

 

 
ENTDECKEN

Mei-mei Berssenbrugges und Kiki Smiths packendes Buch Concordance

Die Dichterin Mei-mei Berssenbrugge wurde in Beijing geboren, ihre Mutter, eine Chinesin, war Mathematikerin und ihr amerikanischer Vater arbeitete in der US-Botschaft in Chungking. Ihre langzeiligen Gedichte beinhalten philosophische, architektonische und naturwissenschaftliche Aspekte; ihr Dichterkollege Ben Lerner schrieb über Berssenbrugges Sammlung I Love Artists, dass sie ‘danach strebt, den Wahrnehmungsprozess wahrnehmbar zu machen.’ Eine Zusammenarbeit aus dem Jahr 1997 mit der deutschstämmigen US-Künstlerin Kiki Smith, deren Skulpturen und komplexe Graustufen auf Papier die Themen rund um Geschlecht, Gender, der natürlichen Welt und der AIDS-Epidemie aufnimmt und zum Buch Endocrinology führt, das dem menschlichen Hormonsystem gewidmet ist. Concordance (2006) untersucht die Unterschiede und Vorlieben zwischen Selbst und anderen, Mensch und Tier, Denken und Gefühl. Unter Anleitung der Buchkünstlerin Anne McKeown mischten Berssenbrugge und Smith Tuschezeichnungen mit Gedichtzeilen auf dem reichem Grundmaterial, das sich auf den auffächerbaren Seiten ergießt. Neben zwei packenden Gedichten finden sich Bilder von Samen, Federn, Schoten, Eulen und umherfliegenden Löwenzahnsporen.

 

 

 
KINO

Ein wissender und mitfühlender Blick: Una Mujer Fantástica

In Una Mujer Fantástica (A Fantastic Woman) plant eine Sängerin und Transfrau namens Marina (gespielt von Daniela Vega) eine Reise zu den Iguazú-Wasserfällen, und zwar mit Orlando (Francisco Reyes), ihrem geschiedenen, älteren Liebhaber. Sie sind gerade erst zusammengezogen und alles scheint in Ordnung, bis Orlando eine Gehirnblutung erleidet, die Treppe hinunter stürzt und im Krankenhaus stirbt. Anstatt in den Urlaub zu fahren, gerät Marinas Welt aus den Fugen: feindlich gesinnte Behörden und empörte Familienmitglieder, die sie ausfragen und ihr misstrauen. Der chilenische Filmemacher Sebastián Lelio führte zuletzt Regie in dem leichter verdaulichen Film Gloria (2013) über eine geschiedene Frau, die in Santiago sehr aktiv auf Partnersuche ist. Una Mujer Fantástica bildet einen ernshafteren Blick auf Beziehungen – und auf Scheinheiligkeit. Marina erlebt letztere von allen Seiten: Orlandos unwirsche Ex-Frau, die ihr verbietet, auf die Beerdigung zu kommen; sein brutaler Sohn Bruno; ein Ermittler der Abteilung für Sexualstraftaten. ‘Es ist ein romantischer Film, ein Beerdigungsfilm, ein Film über Demütigung und Rache, eine Charakterstudie, er enthält dokumentarische Elemente in seinem Inneren, es ist ein Film über einen Geist – aber keine dieser ‘Zutaten’ nimmt überhand in dem Film,’ erzählte Lelio einem Interviewer. ‘Seine Identität wechselt, er widersetzt sich der Reduktion auf eine einzelne Idee. Im Spanischen bedeutet "género" sowohl Genre wie auch Gender, somit dient dieselbe Art wie wir über eine Transfrau sprechen der Beschreibung für A Fantastic Woman als Transgenre-Film.’

 

 

 
BESUCHEN

Kunst als Kraft für Kohäsion: die 6th Asian Art Biennal, Taiwan

Taiwans National Museum of Fine Arts beherbergt vom 25. Februar 2018 die 6th Asian Art Biennial. Der hauseigene Kurator Hsiao-Yu Lin hat mit den Gastkuratoren Kenji Kubota (Japan), Ade Darmawan (Indonesien) und Wassan Al-Khudhairi (Irak) zusammengearbeitet, um Werke um das Thema ‘Negotiating the Future’ zu versammeln. Was bedeutet es für Künstler auf einem Kontinent von solchen Ausmaßen und solcher Abwanderung zu leben, dessen Städte von Karachi bis Chengdu und die unbekannteren ihresgleichen so schnell anschwellen, dass man sie fast als Metastasen beschreiben könnte? Unter den 37 teilnehmenden Künstlern und Kollektiven sind die koreanischen Praktiker Yang Chul Mo und Cho Ji Eun aka mixrice, bekannt für ihre Multimedia-Arbeiten über Menschenrechte und Immigration; die in Borneo ansässige Gruppe Pangrok Sulap, deren Holzschnitt-Drucke sich für Gemeinschaftsrechte einsetzen; und das Art Labor Collective aus Ho-Chi-Minh-Stadt, dessen andauerndes Projekt ‘Jrai Dew’ auf die matriarchale Gesellschaft der vietnamesischen Volksgruppe der Jrai blickt und ihr Glaube daran, dass jeder einzelne Mensch dazu bestimmt ist, in den elementaren Zustand von ia ngôm oder verdunstendem Tau zurückzukehren.

 

 

Illustrationen von Jeffrey Cheung

‘Frequently consider the connection of all things in the universe and their relation to one another.’

Marcus Aurelius