DAS KOMPENDIUM

août 2018

Herodot war einer der ersten, der einen Jungbrunnen beschrieb, in dem die legendären Makrobischen Aethiopen, die mindestens 120 Jahre alt wurden, freudig planschten. Doch während die Lebenserwartung im letzten Jahrhundert immens gestiegen ist, sieht es für uns nach dem Erreichen des 100. Lebensjahrs eher düster aus. Die heute ältesten, lebenden Menschen werden kaum die 120 erreichen. In einem bissigen Essay aus dem Jahr 2015 über die Demütigungen des Alters schreibt Helen Garner über „das Vermessen ihrer immer länger werdenden Vergangenheit und ihrer immer kürzer werdenden Zukunft“ – eine, in der sie „in der Öffentlichkeit unsichtbar geworden“ ist. Indessen, so heißt es weiter, können einen jahrzehntelange Erfahrungen lehren, wirklich zuzuhören und lohnenswerte Kommunikationen zu initiieren: „Du weißt, wie man lange und gehaltvolle Gespräche mit Fremden in der Straßenbahn oder im Zug beginnt.“ Lassen Sie sich ihre Worte eine Mahnung sein, wenn Sie mit den Menschen sprechen, die schon lange auf der Welt sind, die vielleicht ein Geheimnis weiterzugeben haben, wenn wir nur nicht vergessen, sie danach zu fragen.

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Uralte Bäume, die einen in Staunen versetzen und Hochachtung hervorrufen

Pando, auch als der zitternde Riese bekannt, ist ein Wald aus 40.000 Zitterpappeln, die nahe des Fish Lake in Utah wachsen. Pando (lateinisch für „ich breite mich aus“) ist eine Klonkolonie. Alle Bäume in diesem Wald sind genetisch identisch und teilen sich ein gemeinsames Wurzelsystem mit Wurzeln, die schätzungsweise zwischen 80.000 und einer Millionen Jahre alt sind, wodurch der Wald als der älteste und größte lebende Organismus der Erde gilt. Für diejenigen, die der Meinung sind, es grenze an Betrug, sich selbst zu klonen, um einen Rekord zu brechen (warten Sie die Zukunft der Menschheit ab, lieber Leser), hat die USA noch weitere ehrwürdige Exemplare, die einen Besuch wert sind: Die ältesten unter ihnen sind die Great Basin Borstenkiefern in den White Mountains in Kalifornien, die stolze 5.000 Jahre zählen. In der Sierra Nevada sind die Mammutbäume nicht ganz so alt, aber noch um einiges größer. Und im Libanon findet man die „Schwestern“, auch bekannt als die Olivenbäume Noahs, welche die ältesten Olivenbäume der Welt sind. Der Hain mit seinen 16 Bäumen, die circa 6.000 Jahre alt sind, steht am Rande des kleinen Dorfs Bechealeh. Hier sagt der Volksmund, dass die Bäume zahlreiche Zyklen politischer Unruhen und Umweltveränderungen nur dank eines schützenden Fleckchens göttlicher Vorsehung überlebt haben. Für diejenigen unter uns, die sich nicht so sehr für das dramatisch aride Klima im Westen der USA oder die Levante begeistern, gibt es immer noch die Natur direkt vor der Haustür. Hier kann man sich in einem nahegelegenen Park oder Wald unter ebenfalls recht alten Bäumen entspannen.

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ENTDECKEN

Eine Kreatur altertümlichen Ursprungs, die praktisch unversehrt überlebt

Der gemeine Perlboot oder auch Perlboote, ist ein lebendes Fossil, das sich auf die Zeit noch vor den Dinosauriern zurückdatieren lässt und das nächtliche Jagdausflüge vom tiefblauen Ozean in die seichten Korallenriffe von Ozeanien unternimmt. Diese Reise ist, dem Paläontologen Peter Ward zufolge, eine gelungene Metapher für die evolutionäre Geschichte des Perlboots. Ward studiert seit 1975 die zahlreichen Arten in ihrer natürlichen Umgebung. „Der Perlboot“, schreibt er, „kommt hinauf in unsere Welt, unverändert aus den Tiefen der Zeit.“ Im vorderen Bereich seiner perlenartigen Schale befinden sich Tentakel und eine Art Jetdüsen-System, wie bei den ihm verwandten Kopffüßlern – die Art von Mollusken, zu denen auch Oktopusse, Tintenfische und Kalmare zählen. Das primitive Auge hat keine Linse. Die Schale ist eine spektakuläre Spirale, die die alten Griechen faszinierte und den englischen Naturwissenschaftler Robert Hooke inspirierte und ihn im 17. Jahrhundert zurecht annehmen lies, dass die Kammern Gas und nicht tierisches Fleisch enthalten, das ihm seine Antriebskraft für seine Abenteuer unter Wasser verleiht. Er wächst bis auf die Größe eines Esstellers heran, und wenn Sie das Glück haben, einen lebenden Perlbooten in der Nacht zu entdecken, wenn die Wahrscheinlichkeit geringer ist, dass er auf natürliche Feinde trifft (Schildkröten und Drückerfische zum Beispiel), dann prüfen Sie, ob die Schale mit einem strubbelig orangefarbenen Fell bedeckt ist. Das ist das Kennzeichen des Königsnautilus, auch bekannt als Nautilus scrobiculatus.

 
KINO

Krankheit und Unwohlsein treffen auf sanfte, unbändige Entschlossenheit

In Poetry (2011) erzählt der koreanische Filmemacher Lee Chang-dong die ruhige, aber faszinierende Geschichte von Mija, einer Frau um die 60, die als Krankenpflegerin arbeitet und mit ihrem Teenager-Enkel Wook zusammenlebt, der sich in Schwierigkeiten befindet.

 
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Ein weitergereichter Staffelstab: zwei brillante Fotoausstellungen

London’s Barbican Centre zeigt bis zum 2. September eine Doppelausstellung von gleich zwei formidablen Fotografinnen. Dorothea Lange, die 1936 das Portrait von Florence Owens Thompson machte, das jetzt als „Migrant Mother“ bekannt ist und zum Symbol der Weltwirtschaftskrise wurde, sowie Vanessa Winship, Gewinnerin des HCB Award 2011, präsentiert von der Henri-Cartier-Bresson-Stiftung. Dorothea Langes Werk als Vorreiterin der modernen Dokumentarfotografie fühlt sich jetzt so akut wie eh und je an. Ihre Bilder sind schonungslos in der Darstellung von Armut, Vertreibung, Umweltkatastrophen und Rassenungleichheit. Als stille Aktivistin, die ihre Kamera als politisches Werkzeug einsetzte, zeigt sie die USA von den 1930er Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Rückblickend auf ihre Karriere sagt Lange: „Ich glaube, dass ich geradeaus, wahr und schnell sehen kann.“ Winship lässt sich durchaus als ihre Nachfolgerin bezeichnen. Während ihrer Reisen durch Albanien, Serbien, den Kosovo und Griechenland in den frühen 2000er Jahren sowie durch Amerika im Jahr 2012, als sie ihrer Kamera bei der Kampagne zur Wiederwahl Obamas, die sich kreuz und quer durchs Land zog, alles abverlangte, untersuchte sie die „Konzepte von Grenzen, Land, Erinnerung, Verlangen, Identität und Geschichte“. Ihre Methode, eine Großbildkamera zu benutzen, die sie als „einen Prozess und eine Prozedur mit ihrem eigenen internen Rhythmus und ihrer Musik“ beschreibt, scheint ihren Motiven Zeit zu geben, sie zu verlangsamen, und stellt sie mit einer kontextuellen Feinheit dar. Das Barbican Centre zeigt 150 ihrer Fotografien, von denen viele noch nicht in Großbritannien zu sehen waren.

 
MENSCHEN

Ein Künstler, der sich seit Langem der Verherrlichung des menschlichen Körpers und Geistes widmet

Vertieft in Fragen nach dem Göttlichen hat der malaysische Künstler Ahmad Zakii Anwar uralte Motive wie das historische Gesicht des Buddhas, hinduistische Gottheiten sowie das Symbol der Sufis, eine einzige Rose, dargestellt. Als einer der bekanntesten Künstler der Gegenwart seines Landes hat sich Zakii, geboren 1955, im Alter von fünf Jahren an einen Renaissance-Akt gewagt, der im Life-Magazin veröffentlicht wurde und sein Interesse für die realistische Wiedergabe des menschlichen Körpers weckte. Als Kind übte er sich heimlich im Nachzeichnen von Akten, aufgrund seiner muslimischen Erziehung beschämt ob seiner Faszination. Nach seinem Grafikstudium an der Universität arbeitete er lukrativ und sicher als freier Designer und Illustrator, bis er sich im Alter von 36 komplett der Kunst widmete. Eine Serie von Gemälden, die er in den späten 90ern erstellte, zeigt Küchenutensilien, die er mit seiner kürzlich davor verstorbenen Mutter assoziierte. Eine darauffolgende Serie von traditionellen Tänzern und Schauspielern beinhaltete Radierungen von Mak Yong Schauspielern, die ein volkstümliches Tanzdrama im Schutz der Nacht aufführen. In Malaysia ist diese Kunstform verboten. Zakiis Figuren mit angespannter Muskulatur und in elektrisierenden Posen – nicht zu erwähnen, die Wahl des Themas – haben ihm immer wieder seine ganz eigenen Konflikte mit den Autoritäten eingebracht. „Macht mich das Malen einer christusgleichen Figur oder eines Buddhas weniger zu einem Muslim? Ist mein Glaube an meine Religion so einfach zu untergraben?“, fragte er einen Reporter. „Die Antwort ist nein. Ich tauche sehr tief in meine Religion ein und finde, dass der Islam eine herrlich tolerante Religion ist ... Ich möchte, dass Menschen, die meine Werke sehen, inneren Frieden spüren.“

 
HÖREN

Ein Album vielfältiger Inspiration, das Herz und Bein zum Tanzen bringt

2016 ist der junge Tenorsaxophonist, Bandleader und Komponist Shabaka Hutchings nach Johannisburg gegangen, um dort das Album Wisdom of Elders an nur einem einzigen Tag aufzunehmen. Die Kollaboration mit einer Gruppe südafrikanischer Musiker unter dem Namen Shabaka and the Ancestors gibt dem Album einen ambitionierten Afro-Futurist-Ton und glänzt mit klangvollen Instrumentalstücken von Hutchings und dem talentierten Trompeter Mandla Mlangeni, dem Pianisten Nduduzo Makhathini und den Perkussionisten Gontse Makhene und Tumi Mogorosi. Die Stücke „Joyous“, „Natty“ und „Mzwandile“ sind in der Tat wahre Ohrwürmer. Es gibt leichte Noten von karibischem Calypso – Hutchings wurde in London geboren und zog im Alter von sechs nach Barbados, wo er klassische Klarinette lernte, bevor er dann im Alter von zehn Jahren zum Saxophon wechselte – sowie von zentralafrikanischer Volksmusik und südafrikanischer Nguni Musik. In einigen Riffs und Detours lassen sich auch die Einflüsse von John Coltrane, Sun Ra und Pharoah Sanders heraushören. „Ich sehe Energie als eine Form der Weisheit, die von Generation zu Generation weitergegeben wird“, sagte Hutchings bei der Albumveröffentlichung. „Wenn wir die Musik studieren, das Leben und die Worte unserer Meistermusiker, dann erhalten wir einen Einblick in diese für Künstler so essentielle Energiequelle.“

 
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Ironische, berührende Geschichten einer älteren Staatsfrau der koreanischen Literatur

O Chonghui hat ihre erste Geschichte „The Toyshop Woman“ 1968 veröffentlicht, als sie einen jährlich stattfindenden Wettbewerb für aufstrebende Schriftsteller im Chungang ilbo, einer Tageszeitung in Seoul, gewann. In der Geschichte plündert eine junge Frau ein Klassenzimmer und stiehlt Geld und Dinge, die sie verkaufen kann. Das ergaunerte Geld bringt sie in einen alten Spielwarenladen. Am Ende erfahren wir von all den Entbehrungen und dem Ärger in der Familie, die sie in diese Situation gebracht haben. Diese sowie acht weitere starke und in Erinnerung bleibende Geschichten machen diese Sammlung aus. River of Fire and Other Stories sind allesamt bestürzende Zeugnisse von familiärer und landesweiter Dysfunktion, die den Rückgang der Agrargesellschaft und das befremdlich urbane und industrielle Leben zeigen, das sie ersetzt. In „One Spring Day“, um ein weiteres Beispiel zu geben, beschreibt eine Frau ihre Ehe als so sicher, dass es klaustrophobisch wird: „Frieden erfüllte unser Haus, durchdrungen von der Beziehung zu Sungu, ein absoluter und unverletzlicher Frieden, in dem kein einziges Blatt an einem Baum zerstört werden kann. Aber was habe ich dafür geopfert? Unsere Beziehung war wie stehendes Wasser, abgestanden, friedlich.“ In der Titelgeschichte schlägt sich ein Paar aus der Arbeiterklasse durch, die Frau pflichtbewusst, der Mann zitternd vor Unzufriedenheit. „Ich war überrascht von der Abscheu, die ich in seiner Stimme hörte. Alles, was ich höre, ist die Maschine, egal, ob ich zu Hause bin oder im Bus sitze. Es fühlt sich an, als wären die Pedale direkt an meinen Ohren. Manchmal denke ich, ich bin verrückt. Dein Atem in der Nacht, auch er lässt mich an die Maschine denken. Es stört mich wirklich – ich möchte nicht in einem Käfig stecken und für den Rest meines Lebens wie ein Hamster im Rad laufen.“ Dieses Werk gibt lebhafte und bewegende Einblicke in spezifische koreanische Sitten sowie in universelle Themen wie Einsamkeit, das Älterwerden und Enttäuschung. O Chonghuis Kontrolle des Klangs und der leidenschaftslose Ton täuschen über den feministischen Strom hinweg, der sich durch das Werk zieht.

 
THE PARIS REVIEW

Über Onkel im Allgemeinen... und Plinius den Älteren

Das erste Buch von Daniel Torday, The Last Flight of Poxl West, untersucht die auf Verehrung basierende Beziehung zwischen einem beinflussbaren Jungen, Eli, und seinem einflussreichen Onkel Poxl, Autor – und dabei unzuverlässiger Erzähler, wie sich herausstellt – eines Memoirs über seine Zeit als Bomber-Pilot während des Zweiten Weltkriegs. Das Buch ist ein facettenreicher Einblick in die Tücken der Heldenverehrung. In einem wunderbar weitgefächerten Essay, veröffentlicht in der Paris Review, taucht Torday noch tiefer in das Thema ein. In „A Writer in the Family“ beleuchtet er sein literarisches Erbe in Form eines Urgroßonkels, Frederic Neuburg, der seltenes Glas sammelte und detailliert darüber schrieb. Das Essay beschäftigt sich auch (etwas diffuser und verschleierter) mit Tordays Großonkel György, einem Schriftsteller, der sozialistisch-realistische Propaganda schrieb, dessen Bücher aber nie ins Englische übersetzt wurden, was sie zu eher abstrakten Prüfsteinen macht. Von dort aus macht sich Torday zu einer Diskussion über Plinius dem Älteren und dessen Tod beim Ausbruch des Vesuvs auf, dessen genaue Umstände bis heute ein Mysterium sind und nur teilweise von seinem Neffen, Plinius dem Jüngeren, erzählt werden. Torday bleibt mit seinen eigenen, in der Luft hängenden Fragen zurück, nachdem ein Brief an Honza North, Frederic Neubergs Sohn, unbeantwortet bleibt und er von Norths Tochter erfährt, dass der alte Mann verstorben ist. „Honza war der letzte aus der Generation meiner osteuropäischen Familie. Mit ihm sind auch die Antworten gestorben, nach denen ich gesucht habe. Wo ist Neuburgs Glas? ... Wie hat das Glas in dem Regal in Leitmeritz gerochen? Wie klingt es, wenn zwei Scherben römischen Glases aufeinandertreffen? Das sind jetzt Fragen für die nächste Generation, die die alten Stimmen in ihren Köpfen hören oder bleiern auf einer Seite klirrend, voll von Spekulation, und die jeden Tag weiter weg von der Insel der Fakten fließen.“

 

 

Illustrationen von Audrey Helen Weber

‘You are not too old and it is not too late to dive into your increasing depths where life calmly gives out its own secret.’

Rainer Maria Rilke