The Ledger April Illustration

APRIL 2019

Das Kompendium

Ist der April tatsächlich der grausamste aller Monate? Die Beschreibung T. S. Eliots verlangt geradezu danach, diese Beschuldigung zu unterstützen – „breeding / Lilacs out of the dead land, mixing / Memory and desire, stirring / Dull roots with spring rain“ – klingt fast schon gemäßigt, und beschreibt eine willkommene Veränderung, ein Entfalten oder Erwachen. In dem Teil der Welt, in dem der April den Frühling herbeiruft, erleiden wir die Winde des Monats, die neue Triebe ans Licht bringen – eine Zeit des Wachstumsschmerzes. Im Süden bringt er kühle Luft, einen Schwarm lebendig bunter Blätter, sowie das Versprechen eines baldig anstehenden, behaglichen Kaminfeuers. Das Streben und die Freuden, die wir in diesem Monat der Veränderung empfehlen, vereinen das Nachdenkliche und das Erfrischende – vom Betrachten der Wolken über das Bewundern des Blauregens bis hin zum Boogie im Wohnzimmer.

ledger_image_april_12

 
MENSCHEN

Ein leidenschaftlicher Taxonom des Vergänglichen

Der englische Chemiker und Meteorologe Luke Howard (1772–1864) war größtenteils Autodidakt und von jungen Jahren an vom Wetter fasziniert. Als Schüler erhaschte er einen seltenen Blick auf die Aurora Borealis im Himmel über Großbritannien. Er sah den Großen Meteor im Jahr 1783 – einen spektakuläreren Kometen – am Himmel entlangschweifen, und er war angetan von The Great Haze (auch im Jahre 1783), während dessen die Sonne wochenlang durch eine vulkanische Aktivität in Island verschwand. Howard pendelte zu seinem eigentlichen Job in der Pharmaindustrie mit Pferd und Wagen, was ihm die Zeit gab, den Himmel zu studieren. 1802 präsentierte er der Askesian Society, ein nicht konformistischer Debattierclub, der an Natur- und experimenteller Philosophie interessiert war, eine Schrift zur Klassifizierung der Wolken. Die Schrift wurde Teil seines Meisterwerks The Climate of London (erschienen von 1818 bis 1820 und verlängert in einer neuen Auflage im Jahr 1833). Howard war der erste, der durchsetzte, Wolken in drei verschiedene Formen aufzuteilen, die er Cirrus, lateinisch für „Locke“, Stratus für „Schicht“ und Cumulus für „Haufen“ nannte. Die Nimbus-Unterkategorien der Cumulus- und Stratuswolken identifizierte er als Hinweise auf Niederschlag. Howard beschrieb die Bewegung der Wolken zwischen den verschiedenen „Modifikationen“ und bezog das Wechseln ihrer Formen auf alle Arten von Wetter. Obwohl er nicht der erste war, der den Wolken Namen gab – Jean-Baptiste Lamarck hatte bereits zuvor eine vagere Beschreibung mit französischen Begriffen gewagt – war Howard der erste, der mit ansah, wie seine Namen weit geläufig wurden. Er verwendete die linnéschen Prinzipien zur Klassifizierung der Naturgeschichte, um ihre Vergänglichkeit festzuhalten und eine klare Lösung für die Herausforderung der Benennung von Formen zu finden, die sich gerade in einem Übergang befinden. Zusammen mit seiner Frau Mariabella zeichnete Howard die Wetterbedingungen über seinem Garten in London akribisch auf. Er war ein früher Chronist der verschiedenen Mikroklimata, die durch die bebaute Umwelt geschaffen wurden. Auch soll Howards Taxonomie eine Reihe von Künstlern und Dichtern dieser Zeit inspiriert haben, darunter John Constable, John Ruskin, Percy Shelley und Johann Wolfgang von Goethe, der Howard eine Reihe an Gedichten widmete. „Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn / Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn. /Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt, /Er faßt es an, er hält zuerst es fest.“

The Ledger April 2 2

 
BESUCHEN

Exquisite Blüten in extravaganter Fülle 

Der florale japanische Kalender zelebriert die Pflaumenblüte im Januar, die Kamelie im Februar, die Pfirsichblüte im März und im April die Kirschblüte. Die Sakura, oder auch Zierkirsche, neigt dazu, sich in den Mittelpunkt zu stellen – Hanami, ist das weit praktizierte Betrachten der Kirschblüte (sowie ein Picknick unter den Bäumen). Doch viele der Kirschbäume blühen eigentlich erst Ende März, bis spät in den April hinein, die Glyzine ist der florale Vorreiter, obwohl sie ihre offizielle Blütezeit erst im Mai hat. Im Kawachi Fujien Garten in Fukuoka in Kyushu haben Besucher in der letzten Woche im April sowie in der ersten Woche im Mai die Möglichkeit, entlang der Wege zu wandeln sowie durch die Gänge, Kuppeln und Spaliere zu schreiten, die mit extravaganten Glyzinenblüten bedeckt sind, und sich dabei wie eine kawaii Prinzessin zu fühlen. Die Glyzine, Teil der Erbsenfamilie, ist eine anmutige Zierweinrebe, robust genug, um auch einen praktischen Nutzen zu haben: Einst waren die eingeweichten Fasern der Glyzine eine beliebte Quelle für die Herstellung von Kleidung. Die Reben erreichen ihre volle Reife bereits in wenigen Jahren und bringen wunderschöne, duftenden Trauben an weißen, rosa, malvenfarbenen und lavendelfarbigen Blüten hervor. Entstanden im Jahre 1977, besticht Kawachi mit 150 Reben und 20 verschiedenen Arten an Glyzinen in außergewöhnlichen Lauben. Fuji Matsuri (das Festival der Glyzine) ist ein überaus beliebtes Ereignis. Wenn Sie zu dieser Zeit den Garten besuchen, buchen Sie am besten ein Zeitfenster für Ihren Besuch im Voraus. Die nächste Blüte im Kalender ist die Hortensie im Juni, die in enger Verbindung mit der Regenzeit steht.

 
LESEN

Kompakte, elegant gestaltete Titel zum Sammeln und Genießen

Die Sylph Editions’ Cahiers Series, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der American University of Paris, präsentiert neue Schriften, neue Übersetzungen und „das, was diese zwei Bereiche vereint“. Bearbeitet von Daniel Gunn, Professor an der AUP, der sich auf Shakespeare, Proust, Samuel Beckett, den Roman der französischen Revolution sowie die Nachkriegsfiktion Großbritanniens spezialisiert hat. In Frankreich und Italien können diese eleganten Cahiers einzeln oder im 6er-Set erworben werden. Marlene van Niekerks Werk The Swan Whisperer, übersetzt aus dem Afrikaans von Marius Swart und der Autorin selbst, erzählt die Geschichte des frustrierten Schülers Kasper Olwagen, der das kreative Schreiben lernt, und seiner Begegnung mit einer mysteriösen Figur, deren unverständliches Gemurmel Schwäne aus den Amsterdamer Kanälen zieht. Begleitet wird der Text von wunderschönen Schwarz-Weiß-Drucken von William Kentridge, die Vögel, Säugetiere und menschliche Figuren zeigen. In In The Tilted Cup: Noh Stories, verwandelt Paul Griffiths elf japanische Noh-Stücke, voll von Geisterwesen, verlorenen Liebhabern und schlafenden Träumen, zu lebhaften Kurzgeschichten auf Englisch. Zehn Fotografien von John L. Tran untermalen den Text. Neun kurze Stücke von Muriel Spark, zusammengestellt von Gunn und Penelope Jardine, bilden das Cahier Walking on Air: Bruchstücke aus Spark's Notizen, Träumen, Tagebucheinträgen, Geschichten, einer Übersetzung und einem Foto, das sie 1988 gemacht hat. Weitere Titel zeigen die Arbeiten von Anne Carson, Lydia Davis, Kirsty Gunn (nicht verwandt mit Daniel Gunn), László Krasznahorkai und Paul Muldoon. Die Bände dieser Serie sind filigran, reflektierend und absolut in den Bann ziehend.

 
ARCHITEKTUR

Ein altertümlicher, rätselhafter Raum, der immer noch Ehrfurcht einflöst

Maeshowe, ist ein massiver neolithischer Steinhügel mit einer Kammer im Inneren und wurde Schätzungen zufolge irgendwann zwischen 3000–2800 v. Chr. erbaut. Er befindet sich in der Gemeinde Stenness auf Orkney, Schottland. Der Name aus dem Altnordischen bedeutet „Meadow Mound“ (zu Deutsch: Wiesenhügel). Das Gebilde ist bereits aus der Ferne zu erkennen, ein großer, mit Gras bewachsener Hügel, der einer Pyramide ähnelt. Der lange Weg, der zu dem Steinhügel führt, lies Gelehrte annehmen, dass der Ort einst ein Ganggrab war. Ausgegraben wurde es erstmalig 1861 vom Antiquar James Farrer, der den Eingang versperrt vorgefunden hatte, und sich dazu entschlossen hat, durch die Spitze des Hügels zu graben (sehr zum Bedauern der Archäologen in seinem Gefolge). 1910 nahm sich die Regierung dieses Ortes an und baute ein Dach aus Zement über das Loch, das Farrer hinterlassen hat. Wie viele andere neolithische Gebilde, ist auch Maeshowe in der Mitte der Wintersonnenwende wunderschön beleuchtet. Die Hauptkammer besticht mit Steinpfeilern, die einst ein gewölbtes Dach gestützt haben. An den Wänden dieser Kammer befinden sich ein eingravierter Drache sowie die größte Gruppe an Runeninschriften der Welt. Man vermutet, dass es sich dabei um Graffitis einer Gruppe von Nordländern aus dem 12. Jahrhundert handelt, die während eines Wintersturms in dem Steinhügel nach Schutz gesucht haben. (Der Roden Crater des amerikanischen Licht- und Raumkünstlers James Turrell, eine mit Spannung erwartete Installation und ein Himmelsobservatorium, welches auf der Mitte eines erloschenen Vulkans in der Painted Desert in Arizona geformt wurde, wurde von Maeshowe inspiriert. Genau wie Newgrange in Irland und Abu Simbel in Ägypten. Der seit 1977 im Bau befindliche Standort ist in den nächsten Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich.) Im Jahr 1999 wurde Maeshowe zum Weltkulturerbe erklärt. Ein weiterer Anreiz ist die unverwechselbare, regionale Küche, darunter Gerichte wie mit Seegras gefärbter Hammel oder Torfmalz. Brig Larder in Kirkwall, eine zwanzigminütige Autofahrt vom Steinhügel entfernt, hält einige der besten Möglichkeiten für ein Picknick bereit.

 
THE PARIS REVIEW

Das intensive Unbehagen von Wissen, das sich nicht rückgängig machen lässt

An Orchestra of Minorities, der zweite Roman des nigerianischen Schriftstellers Chigozie Obioma, erzählt die Geschichte des jungen Geflügelbauers Chinonso, der eingreift, als er sieht, wie sich eine Frau gerade von einer Highway-Brücke in den Tod stürzen will. Sie verlieben sich ineinander, aber die Familie der Frau ist gegen diese Verbindung, da Chinonso nicht gebildet ist. Schlussendlich verkauft er alles, was er besitzt, um sich die Ausbildung an einem kleinen College auf Zypern leisten zu können. Obioma baut die Geschichte teilweise auf seine eigenen kulturellen und bildungsrelevanten Erlebnisse auf Zypern auf: Er selbst hat die Universität in Nigeria abgebrochen und war versessen darauf, sich in einem anderen Land neu einzuschreiben, dieses Mal um Englisch und nicht Wirtschaft zu studieren. „Mein Visumsantrag in England wurde abgelehnt, und so habe ich mein neues Ziel gefunden, die Universität der Türkischen Republik Nordzypern. Es war eine Nation über die nur wenige Menschen etwas wussten. Immer noch ohne nationale Anerkennung,“ schreibt Obioma in einem aufrichtigen, suchenden und amüsanten Essay in The Paris Review Daily. Während er ein herzliches Willkommen von den anderen ungefähr zehn Afrikanern auf dem Campus erwartet hat, bekommt er dieses nicht. Stattdessen vermitteln sie ihm, dass er einen großen Fehler gemacht hat, indem er hierherkam. Es sei nicht nur das Essen – „der Schenkel eines halbgekochten Hühnchens, aus dem konstant rosafarbiges Blut herausfließt“, „etwas, das wie Hühnermist aussah und nach Nzu roch, der weißen Kreide, die man unter bestimmten Gewässern in Igboland findet. Erst Monate später sollte ich lernen, dass es sich dabei um Hummus handelte“ – was ihn so befremdete. Er und seine afrikanische Kohorte, so entdeckt er, sind das ständige Ziel eines harten, fast karikativen Rassismus. Als Mehmet, ein neuer Freund, Obioma einlädt den Sommer im Haus seine Eltern auf dem türkischen Festland zu verbringen, stimmt Obioma vorsichtig zu. Der Besuch verläuft besser als gedacht, trotz fortwährender Instanzen unglaublichen Unwissens. (Wenn es dazu kommt, dass der Sohn eines Freundes der Familie Obioma fragt, ob er so aussieht, weil er tonnenweise Schokolade gegessen hat, ist der Autor mehr als geduldig und behandelt den Fragenden behutsam.) Der Titel des Essays ist „The Desire to Unlearn“ (zu Deutsch: Das Verlangen zu vergessen). Dieses Verlangen kommt auf, wenn Obioma feststellt, dass er, fast gegen seinen eigenen Willen, beginnt die türkische Sprache zu verstehen. Mehmets Mutter sprach nur Türkisch mit ihm und nun entdeckt er, dass er die boshaften Dinge, die über ihn gesagt wurden einordnen kann, statt ihre Bedeutung nur aus Gesten und Zusammenhängen zu erraten. „Während meine Freunde einen utilitarischen Zweck in meinem Wissen sahen, begann ich es als einen Fluch zu sehen. Sie hatten das Gefühl, dass es mir einen Vorteil verschafft hatte, und dennoch sehnte ich mich jeden Tag nach einer Lobotomie … Ich sehnte mich nach der Immunität der Unwissenheit, aber jetzt konnte ich nichts mehr tun.“

 
AUFSUCHEN

Glückliche Unfälle, ausgeführt von einem forschenden und begabten Geist

Bis zum 27. April präsentieren sich die neuen Arbeiten der Multimediakünstlerin Yeo Shih Yun im National Center of Singapore der University of Singapore im Rahmen der Ausstellung Diaries, Marking Time and Other Preoccupations" in glorreicher Form. Yeo’s Routine umfasst immer wieder chinesische Tinte, ein Medium dessen Geschichte sie in Ehren hält, sogar dann, wenn sie umwerfende und ungewöhnliche Wege findet, dieses zu nutzen. Das Zufällige – ein Pinselstrich, der aus der Bewegung von Ästen heraus erscheint oder ein Spielzeugroboter – zeigt sich oftmals in der Konzeption eines Werkes; dann findet Yeo einen Weg ihr exquisites Chaos festzuhalten und auf eine andere Oberfläche zu transferieren, wobei sie oftmals Siebdruckvorlagen oder andere Drucktechniken verwendet. In Diaries werden die Abläufe in ihrem Studio selbst zu Kunstwerken. „Eines Tages,“ sagt Yeo, „habe ich auf den Boden meines Studios geblickt und mir ist ein Licht aufgegangen – da war eine Goldgrube direkt dort, alle acht Jahre Arbeit zusammen auf einer einzigen Oberfläche, bereit angezapft zu werden!“ All ihre Gemälde und Siebdrucke erstellt sie auf dem Boden, und kann sich mit dem identifizieren, was Jackson Pollock beschrieb: „Auf dem Boden fühle ich mich am wohlsten. Ich fühle mich näher, mehr als Teil des Gemäldes. Denn so kann ich um es herumlaufen, von allen vier Seiten an ihm arbeiten und wortwörtlich in dem Gemälde selbst sein.“ Um sich auf die Arbeit an Marking Time vorzubereiten, hat Yeo den Boden nach Spuren abgesucht, die sie besonders interessant fand, und hat sie mit einem Klebeband kopiert. Sie plante sie zu scannen und neu in Photoshop wieder zusammenzusetzen, und dann auf einen papierähnlichen Untergrund zu drucken, was ihr nach vielen technischen Schwierigkeiten auch gelungen ist, und dann die Abdrücke letzten Endes aus Gesso-Platten erscheinen zu lassen. (Extra)ordinary entstand aus einem weiteren von Yeos „glücklichen Zufällen“. Sie hat einen Vorhang aus ihrem vorherigen Studio benutzt, um chinesische Pinsel zu reinigen, die leichte, graue Tintenflecken auf dem Stoff hinterließen. Später befleckten übergebliebene blaue Farbe von Pinseln und Rollern das Tuch in Blau. Im Laufe der Zeit nahm der Stofflappen verstreut Siebdruckfarbe auf, und Yeo bemerkte, dass die Sättigung der Markierungen es ermöglichte, die Farbe von beiden Seiten des Stoffs zu sehen. „Ich fühlte mich von der transluzenten Qualität des Stückes angezogen, und habe mich entschieden, daran zu arbeiten. Ich schüttete Tinte und Farbe auf den Lappen und lies beides durchsickern.“ Die Textur des Zementbodens zeichnete sich ebenfalls auf dem Tuch ab. (Extra)ordinary erinnert an die Farbfelder in den Gemälden von Helen Frankenthaler und Yeo bezeichnet sie als die schwarzen Schafe der Ausstellung.

 
KINO

Die Geschichte eines Arbeiters, sowohl düster als auch bezaubernd

Happy as Lazzaro, ist eine bezaubernde und geheimnisvolle pastorale Fabel, in dem Alice Rohrwacher Regie führte, deren surreale Elemente sparsam und mit dramatischem Effekt eingesetzt werden. Der Film beginnt in einer düsteren, rustikalen italienischen Küche, in der es von Generationen von Menschen wimmelt, die fleckige Leinenkleidung tragen. Ihre Armut wird durch eine einzige Glühbirne unterstrichen, die von allen geteilt wird. Ganz gleich wie fleißig sie die rauen Landschaften nach Tabak, Linsen und Kichererbsen durchpflügen, sie sind für immer verschuldet, auf Dauer „moderne“ italienische Farmpächter. Aufgeheitert werden sie einzig durch den reinherzigen Lazzaro (Adriano Tardiolo), der alles unternimmt, um seine Verwandten zufrieden zu stellen. Die feudale Ordnung dieses Dorfes, genannt Inviolata, scheint ziemlich unangreifbar. Dennoch, in der Mitte des Films, unternimmt Rohrwacher eine magisch-realistische Wende. Ein Handlungswechsel, in dem der verwöhnte Sohn der Marchesa, Tancredi (Luca Chikovani) involviert ist, der sieht, wie Lazzaro in die Inszenierung der Entführung des Adligen verwickelt wird. Und dann, plötzlich, zu einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft, erkämpfen sich die Bewohner von Inviolata eine Existenz in einer namenlosen italienischen Stadt, die frei von den Forderungen des Landes und dessen Aufseher, aber immer noch in einen Kreislauf der Armut sowie der breiten Unterdrückung des Kapitalismus verwickelt ist. Der nunmehr müde Lazzaro und sein Volk versammeln sich nicht mehr in einer gemütlichen alten Küche. Sie leben in einem ungemütlichen Wasserturm und suchen nach Arbeit in einem städtischen Umfeld, dem ihre Lebensqualität gleichgültig ist. In Rohrwachers düsterer, aber bezaubernder Geschichte, ist Lazzaro der einzige moralische Kompass, eine Oase an Stärke und Anstand in einer Welt, die ihre Arbeiter mit zu wenig Respekt behandelt.

 
HÖREN

Töne einer Big Band, die den Körper in Bewegung versetzen 

Big Heart Machine aus dem letzten Jahr, ist das lebhafte Debütalbum  des Multi-Instrumentalisten Brian Krock und des gleichnamigen Big Band Jazz Ensembles, mit 18 Instrumentalisten sowie der Dirigentin Miho Hazama. Krock selbst spielt Klarinette, Flöte, Blockflöte und Saxophon, unterstützt von vier Bandkollegen mit ähnlichen Instrumenten. Vier weitere spielen Trompete und Flügelhorn, vier spielen Posaune und der Rest gesellt sich auf dem Piano, mit Synthesizern, Drums, Percussions, einem elektronischen Bass und Kontrabass sowie dem Vibraphone und der Gitarre dazu. Der Effekt ist der einer orchestralen Rockband. Zu den herausragenden Stücken gehört die Suite „Tamalpais“ mit reizenden Holzbläsern und Bässen, die in ein Saxophon-Solo übergehen (angesichts der beiden Teile „Stratus“ und „Cirrus“ scheint auch Krock an Luke Howards Faszination für Wolken teilzuhaben). Der vierte Teil kommt mit einem Hauch von progressivem Rock daher, während Teil fünf zu dem Eröffnungsstück zurückkehrt. Das vorletzte und letzte Stück des Albums „Jelly Cat“ und „Mighty Purty“ bringen den mitreißenden, klassischen Klang einer Big Band mit sich. Das warmherzige Album ist mit seinen frischen Ideen voll von Leben. Halten Sie die Ohren auf nach den sanften Saxophon-Solos von Krock – er ist ebenso vertraut damit von der Seitenlinie aus zu dirigieren, wie er es ist, im Mittelpunkt zu stehen.

‘The Imagination is not a State: it is the Human Existence itself.’

William Blake