Das Kompendium

April 2018

Man kann inmitten der hektischen Ankündigungen von Innovationen aus der Welt der Technik leicht vergessen, dass manche der schönsten, entzückendsten und profundesten Technologien – wie wir sehen werden – fast unsichtbar sind, weil sie bereits inmitten unter uns, ein Teil unseres täglichen Lebens sind. Das “Rad”, das wir nicht neu erfinden wollen – etwa der Füllfederhalter oder die mechanische Armbanduhr. Ein einfacher Kaffeebecher. Gummibänder. Kompressionsstrümpfe. Roter Lippenstift. Sauerteig. Gebundener gedruckter Text. Ganz klar, elektrische Zahnbürsten werden immer diskreter und die Entwickler suchen nach immer besseren Möglichkeiten, um die Cloud reibungsloser zu synchronisieren, aber es ist das Altbewährte, das wir als selbstverständlich wahrnehmen.

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ENTDECKEN

Katalogisierung des Körperlichen auf Zellebene

Ein genaueres Modell der menschlichen Physiologie würde die Entwicklung neuer Medikamente beschleunigen und den Ansatz bestehender Behandlungen besser fokussieren. Und so arbeiten die Wissenschaftler dreier hochmoderner Institutionen zusammen – das Broad Institute von MIT und Harvard, das britische Sanger Institute und das Chan Zuckerberg Hub – um innerhalb von fünf Jahren ein ehrgeiziges neues Projekt zu realisieren, den Human Cell Atlas. Das Ziel des Atlas? Alleinig, ‘eine umfassende Referenzkarte aller menschlichen Zellen zu erstellen, die grundlegenden Einheiten des Lebens, als Basis für sowohl das Verständnis der menschlichen Gesundheit als auch für die Diagnose, Überwachung und Behandlung von Krankheiten.’ Um die etwa 37,2 Billionen Zellen des menschlichen Körpers zu katalogisieren, werden die Wissenschaftler jede einzelne Zelle mit einer molekularen Signatur versehen sowie einer Art dreidimensionaler “Postleitzahl” im Körper. Zelluläre Mikrofluidik, mit der man einzelne Zellen separieren, markieren und mit einem kleinen Chip versehen kann, ist eines der Innovationen, die das Projekt unterstützen. Frühere Versuche konnten etwa 300 Zelltypen identifizieren, aber man geht davon aus, dass es mehr sind; wie viele genau, wird sich zeigen. Mike Stubbington vom Sanger Institute ließ gegenüber der MIT Technology Review verlauten: ‘Ich denke, es wird Überraschungen geben.’

 

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LESEN

Japan als Dystopie, beschwört in eindrucksvollen, spielerischen Strichen

Yoko Tawada, die in Berlin lebt, schreibt sowohl auf Japanisch als auch auf Deutsch und nennt Kafka wie auch auf Paul Celan als ihre literarischen Einflüsse. Ihr neuer Roman, The Emissary, imaginiert eine Welt, in der uns die Technologie gänzlich im Stich gelassen hat und unsere jüngsten ‘Early Adopter’ gebrechliche, graubärtige Gestalten sind, die von weitaus älteren, zäheren Menschen versorgt werden. Erzählt wird die Geschichte von Yoshiro, ein Hundertjähriger, der jeden Morgen mit einem gemieteten Hund umherläuft (der Roman wurde von Margaret Mitsutani ins Englische übersetzt, der geschickten Übersetzerin von Tawadas früher Prosaarbeit, The Bridegroom Was a Dog). Yoshiro verbringt seine Tage damit, für die Bedürfnisse seines Urenkels Mumei zu sorgen, einem gebrechlichen, ausgedörrten Jungen, dessen morgendliche Pflege viel Zeit und Aufwand in Anspruch nimmt. In einer vergifteten Landschaft, über der Fukushima spukt, findet der Roman Freude an dem zärtlichen Band der beiden. Jene, die wie Yoshiro vor dem namenlosen Desaster geboren wurden, finden heraus, dass ihr Leben auf mysteriöse Weise verlängert wurde, während die sehr Jungen kaum kauen oder selbst laufen können. ‘Die Alten konnten nicht sterben’, schreibt Tawada. ‘Mit dem Geschenk des ewigen Lebens fiel ihnen die schreckliche Bürde zu, ihre Urenkel sterben zu sehen.’ Yoshiro und Mumei leben in einfachen ‘vorübergehenden’ Unterkünften. Der alte Mann bringt den Jungen jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule. Gemeinsam warten sie auf die Entscheidung der Behörden, ob Mumeis hoher IQ bedeutet, dass er Emissary, also Abgesandter (oder als abschreckendes Beispiel) ins Ausland geschickt wird.

 

 

 
MENSCHEN

Von der Landarbeit zur Nanotechnologie: ein unstillbarer Wissensdurst

In Lesotho aufgewachsen, konnte die südafrikanische Wissenschaftlerin Tebello Nyokong nur jeden zweiten Tag die Schule besuchen. An ihren “schulfreien” Tagen kümmerte sie sich um das Vieh, was eigentlich ein Job für Jungen war, und durch den sie, wie sie selbst meint, jene Arbeitsethik entwickeln konnte, die ihr ihren akademischen Erfolg ermöglichte. Heute ist sie eine mit Auszeichnungen prämierte Chemikerin, sie forscht zu Nanotechnologien und Photodynamische Therapien und ist Professorin an der Rhodes University. Die Photodynamische Therapie benutzt Indigo-Farbstoff für die Krebstherapie, und ist dabei weniger aggressiv als die Chemotherapie. Nyokong ist seit 1992 an der Rhodes University beschäftigt und wurde seither von der Royal Society im Fach Chemie Chemistry sowie dem Pan African Chemistry Network geehrt; sie betreut darüber hinaus zahlreiche Doktoranden und Master-Absolventen. ‘Denkst du, du hast das Zeug zur Wissenschaftlerin?’, fragte sie sich in einem Brief an ihr 18-jähriges Selbst, der von einem von Mädchen geführten Wissenschaftsclub online veröffentlicht wurde, um junge Frauen zu einer Karriere in der Wissenschaft zu ermutigen. ‘Lass mich dir sagen: Du hast, was es dazu braucht. Du magst die Natur, das mag auf deine Tage als Hirtin zurückgehen. Du stellst gern tiefgehende Fragen zu deiner Umwelt und du reparierst Dinge rund ums Haus. Du schaust Pflanzen sehr gern beim Wachsen zu, du liebst es, den Vögeln zuzuhören und sie zu identifizieren. Du weißt nicht, dass es das ist, worum es in der Wissenschaft geht.’

 

 

 
HÖREN

Worte und Musik, die Entropie hinreißend machen

Salvador Dalí nannte die Katastrophentheorie “die schönste Theorie der Welt” – sie ist eine mathematische Beschreibung dessen, wie komplex Systeme kollabieren und transformieren, die auf so heterogene Phänomene wie auditive Illusionen, Gefängnisunruhen und die (Un-)Stabilität von Brücken angewendet werden kann. Obwohl diese Theorie als Hauptinspirationquelle für sowohl Sprache als auch Vertonung von Seven Catastrophes in Four Movements diente, einem Album mit Kompositionen des amerikanischen Dichters Paul Kane und der irischen Klangkünstlerin Katie O’Looney, gestaltet sich das Hörerlebnis als eine überraschend harmonische Angelegenheit. Farpoint Recordings, ein esoterisches Label aus Dublin, das sich auf experimentelle Klangkunst spezialisiert hat, bringt wunderschön gestaltete Alben heraus, und dieses ist keine Ausnahme. Das gesprochene Wort verquickt sich mit sowohl elektronischen und akustischen Instrumenten zu einem betörenden Effekt. Kanes Stimme ist seidig, während O’Looneys Instrumentierung lebhaft und erfinderisch ist, inklusive geschlagener und gekratzter Percussion, pizzicato und Keyboard. ‘Stand still like a tree / and sway / give way / to whatever is given’, intoniert Kane an einer Stelle – eine Philosophie dafür, wie man vielleicht am besten die Manifestation einer Katastrophentheorie übersteht.

 

 

 
AUFSUCHEN

Arbeiten von Reinheit und Tiefe, aus einfachen Medien erzeugt

Als der Koreanische Künstler Lee Bae 1990 das erste Mal nach Paris kam, fühlte er sich sehr hingezogen zu Kohle, weil sie erschwinglich, versatil und ihm vertraut war. In Korea zählt Kohle zu den traditionellen Materialien für den Hausbau und bildet die erste Schicht in einem neu gelegten Fundament. Man lässt die Kohle von einem Seil hängen, um die Geburt eines Kindes zu verkünden. Sie beschwört Kunstschule, Tuschemalerei und Kalligraphie. In den späten 1990ern und am Anfang der 2000er Jahre war Baes Kohle-Periode. Er ordnete kleinere Stücke davon Seite an Seite und fertigte damit rustikale Mosaik-Collagen an, die an Baumrinde erinnern. Er verarbeitete größere Blöcke zu bedrohlichen schwarzen Schädeln. Und auch wenn er jetzt mit Acryl arbeitet, begründet und vertieft seine vorangegangene Verwendung dieses einfachen organischen Materials das Verständnis seiner Schwarz-Weiß-Gemälde. Black Mapping, eine Einzelausstellung, die bis zum 26. Mai 2018 in der Galerie Perrotin in Paris gezeigt wird, zeigt Baes unermüdliche Suche nach dem schwärzesten Schwarz. ‘Wie ein bodenloser schwarzer Brunnen, in dem jeder von uns die Art von Tiefe findet, die wir gewillt sind zu sehen und den Schwindel, den wir bereit sind zu empfinden…’, schreibt der Kritiker Henri-François Debailleux über die neuen Werke. ‘Wie ein schwarzes Loch im Wortsinne der Astrophysik, mit einer so dichten und kompakten Materie, dass das Schwarz unendlich in die Schwärze hineintaucht. Ein Jenseits-von-Schwarz, in Summe.’

 

 

 
BLEIBEN

Eine atemberaubende nordafrikanische Zuflucht, ideal für Fans des Analogen

Einige hundert Kilometer östlich von Marrakesch entfernt befinden sich Marokkos schillernde Ouzod Wasserfälle, ein beliebtes Ausflugsziel für picknickende Einheimische und neugierige Touristen gleichermaßen. Ouzoud lautet das Wort der Berber für das Mahlen von Getreide – die Gegend beherbergt viele Getreidemühlen wie auch das unablässige Schlagen des Wassers auf Felsen. Patrick Lamerie ist der Inhaber des Riad Cascades d'Ouzoud, einer rustikalen, aus dem Boden gestampften Zuflucht ohne jede Elektronik. Lamerie ist in Marokko aufgewachsen, hat beinahe 30 Jahre als Architekt und Innenausstatter im Ausland gearbeitet, und kehrte in seine Heimat zurück, um das Haus zu eröffnen. Eine Dachterrasse bietet einen spektakulären Ausblick auf das Tal darunter. Die neun Schlafzimmer des Riads bestehen aus einfachen, anmutigen Räumen mit teilweise farbig gestrichenen Wänden, hellen gewebten Decken, offenen Feuerstellen und einfachen Flechtstühlen, die erstaunlichen Komfort bieten, wenn man seine erschöpften Glieder von den Erkundungen der (unwegsamen) Umgebung erholen möchte. Für Abenteuerlustige gibt es aber auch Wildwasser-Rafting, Mountainbike-Fahren und Maultierreiten in der Nähe. Nehmen Sie Ihr Buch mit auf die Terrasse und legen Sie es beiseite, wenn die Sonne untergeht.

 

 

 
ARCHITEKTUR

Eine gastfreundliche, innovative Oase für ältere Bürger

Lissabons Alcabideche Social Complex bietet Wohnraum für Ältere, während es fast jeder negativen Konnotation eines sogenannten Alternheims trotzt. Es ist weder dunkel noch beengt oder einsam, und zwar dank des genialen Designs von Guedes Cruz Architectos, das mit den Worten des Architekten selbst ‘die Balance zwischen Privatheit und Leben in der Gemeinschaft hält’. Im Jahre 2012 errichtet, enthält der Komplex 52 Einheiten, die für Paare gedacht sind, ein Gebäude für Pflegepersonal und Gemeinschaftsräume. Die Grundstruktur der freistehenden Wohnungen erinnert an eine Medina, die durch unterschiedlich breite Gassen miteinander verbunden sind, und ermutigt die Bewohner, an sonnenverwöhnten Tagen umher zu flanieren. Diese können die Mitarbeiter in ihrem Zuhause über einen Notfallschalter rufen, der ihr normalerweise weißes Dach rot werden lässt. Nachts strahlen durchscheinende Wände Licht auf die gemeinsam genutzten Außenbereiche. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem speichert Regenwasser, um Garten und Rasenflächen üppig grün zu halten.

 

 

 
HÖREN

Ein New York Vers, ein Trostlied aus dem Süden und zwei große Märchen

Die zehnte Ausgabe des The Paris Review Podcast startet mit David Sedaris, der ‘A True Account of Talking to the Sun at Fire Island’ von Frank O'Hara liest, eine schlaue Meditation über eine launische Muse. ‘“Mach einfach weiter, so wie ich, und achte nicht darauf’, erklärt die Sonne dem Dichter. ‘Die Leute werden sich immer über die Atmosphäre beschweren, entweder ist es zu heiß oder zu kalt, zu hell oder dunkel, die Tage zu kurz oder zu lang. Wenn du eines Tages überhaupt nicht auftauchst, denken sie, du musst faul oder gestorben sein… Leg dich nun wieder schlafen, Frank, und ich werde vielleicht ein kleines Gedicht in Deinem Kopf als Abschiedsgruß hinterlassen.’” Dann gibt der Southern Editor des Magazins, John Jeremiah Sullivan, ein Robert-Johnson-Lied zum Besten, und es klingt, als sei er dabei in einer hallenden Krypta. ‘Manchmal träume ich von ihr und sehe sie glücklich und kalt in einem von Lovecraft gezeichneten Mexiko’, offenbart die Schauspielerin Dakota Johnson, während sie aus einer Geschichte von Roberto Bolaño über unerwiderte Liebe liest. Schließlich liest die Schauspielerin Mary-Louise Parker ‘Making Friends’, eine Kurzgeschichte von Joy Williams über zwei Gauner namens Liberty und Willie, die in fremde Ferienwohnungen einbrechen und so lange bleiben, wie sie damit durchkommen. Während ihre letzten Tage im vornehmen Crab Key gezählt sind, freunden sie sich schlauerweise mit dem Sicherheitsmann der Insel an, mit Turnipseed, der es liebt zu kochen und über die großen Fragen des Lebens zu räsonieren. Was wollen Frauen, fragt er sich, und ‘Was wäre unser Leben ohne Ablenkung?’ Mitten in einem gut gemachten Podcast, ist das die Meta-Frage.

 

 

Illustrations by Jeffrey Cheung.

‘Everything has its cunningly devised implements, its preestablished apparatus…’

Thomas Carlyle