Black and white illustration of two merging faces

Das Kompendium

November 2017

‘Sind wir moralische Wesen mit der Fähigkeit zu selbstloser Liebe und Selbstdisziplin oder sind wir eine eigensinnige Spezies voller Egoismus mit einer extremen Lust an der Macht?’ Ein Kantianer könnte sagen: Dies ist der grundlegende Unterschied zwischen dem weltlichen, kontingenten Selbst und dem transzendenten Selbst; ein abgebrühter Fernsehproduzent würde genug Tequila und Bargeld bereitstellen, um den Unterschied zunichte zu machen.

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MENSCHEN

Marian Diamond, Einsteins Gehirn und das Wunderwerk der Neuroplastizität

1984 erhielt Marian Diamond, Neurowissenschaftlerin der University of Califonia, Berkeley, vier Gewebewürfel von Albert Einsteins konserviertem Gehirn. Diese waren ein Geschenk von Thomas Stoltz Harvey, einem Pathologen aus Princeton, der 1955 für die Autopsie des Genies verantwortlich war und dem es irgendwie gelang, dessen Gehirn in Besitz zu nehmen. Diamond war hocherfreut, die Proben zu untersuchen, in denen sie eine viel höhere Zahl an Gliazellen im Verhältnis zu Neuronen als üblich fand. Dieses Ergebnis tauchte schon in den Untersuchungen auf, für die sie berühmt wurde: dass unser Gehirn bei stimulierender Umgebung wächst und sich verändert, und umgekehrt bei einem Mangel an Stimulation verkümmert. Was heute selbstverständlich erscheint, war zu der Zeit, als Diamond das Konzept der Neuroplastizität in den frühen 1960er Jahren vorstellte, revolutionär. Für Schlaganfall- und Traumapatienten barg ihre Forschung (und birgt noch immer) ganz wesentliche Hoffnung. My Love Affair with the Brain (2016), das fünf Jahre ihres Lebens und Schaffens dokumentiert, wurde kurz vor ihrem Tod im letzten Juli herausgebracht, und es lohnt sich, in diesem Buch zu blättern.

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BESUCHEN

Der Pinzetten-Geschicklichkeitstest und ähnliche Kuriositäten

Die Zusammenstellung der Sammlung wissenschaftlicher Instrumente der University of Toronto basiert auf idealistischen Aspekten – sie birgt ein edles wie exzentrisches Unterfangen, ist mehr als nur ein wenig unpraktisch, aber auch irgendwie lohnenswert. Die interdisziplinären Bemühungen zielen darauf ab, alte Werkzeuge und aus der Mode gekommene Technologien zu präsentieren, und wuchsen in den letzten Jahren unregelmäßig, indem staubige Schränke von einem Dutzend verschiedener Fakultäten durchforstet wurden, von der Astronomie und Botanik bis hin zur Zoologie (inklusive der Kategorie ‘Unidentifizierbar’, natürlich). Wenn Sie neugierig sind, diese Kuriositäten persönlich in Augenschein zu nehmen, können Sie ‘Untold Stories’ bis April 2018 im Gebäude des Victoria College auf dem St George Campus besuchen. Alternativ finden Sie auch in der Online Psychologie Sammlung viele faszinierende Besonderheiten wie etwa eine weniger berühmte Reihe an Versuchen als den Rorschachs Tintenkleckstest: Ferguson Form Boards, Kohs Block Design Test, Stutsmans Farbwürfel und der sogenannte Pinzetten-Geschicklichkeitstest. Die mechanische Laternenrutsche, ein rechteckiges Holzstück mit Metallplatten, projiziert das bewegte Bild eines Skeletts. Warum das hier aufbewahrt wird und nicht in der, sagen wir, Anatomie, bleibt jedem selbst überlassen – vielleicht lösen die beweglichen Knochen eine vergessene Phobie aus?

 

 

 
LESEN

Von lästigen Neurosen und Trostspenden: Why Are You So Sad?

Raymond Champs, Erzähler von Jason Porters Debütroman Why Are You So Sad?, nimmt kaum am Leben teil. Das Aufwachen fühlt sich für ihn an, ‘als ob man einen Mammutbaum mit bloßen Händen aus der Erde zieht.’ Ihm widerfährt eine Art Epiphanie, als er realisiert, dass existentielle Verzweiflung eben nicht in einem Vakuum stattfindet – dass es eigentlich ein Übel darstellt, das verbindet. ‘Der Gedanke traf mich. Verpasste mir aufgrund seiner Wahrhaftigkeit einen Schlag ins Gesicht. Sein makelloser Ton rang fort und fort… Wir waren launisch und träge und selbstgefällig, und wir waren zu sehr damit beschäftigt, alles in uns hineinzufressen als diese Tatsache zu bemerken.’ Ray, ein Illustrator für ein skandinavisches Möbelhaus namens LokiLoki, hat die Aufgabe, ein kartoffelförmiges Maskottchen für die Gebrauchsanweisungen zu zeichnen, die den unmontierten Produkten der Firma beigelegt werden. ‘Das tägliche Leben wird mit jedem Tag besser’, so das Motto von LokiLoki – kein Wunder also, dass Ray dem Ganzen skeptisch gegenübersteht. Er entscheidet sich, seine Theorie auf die Probe zu stellen, dass das moderne Leben von Traurigkeit durchdrungen sei, indem er unter seinen Kollegen eine Umfrage startet: Ist heute schlechter als gestern? Würdest Du das Entlieben mit der Art, wie ein Kaugummi an Geschmack verliert gleichsetzen oder eher wie Essen, dass eben irgendwann an Hitze verliert und langsam kalt wird? Ray ist besessen von den ‘Viren der dritten Welt, die Zeitungen verkaufen und Gehirne aufweichen’ und von Windschutzscheiben, übersät von toten Insekten: ‘Wie es sich anfühlen muss, wenn ein Schnellflugzeug aus bruchsicherem Glas dein Außenskelett flach walzt.’ Seine Klagen verraten jedoch auch seine zärtliche Aufmerksamkeit gegenüber dem alltäglichen Leid in unserer Mitte. Why Are You So Sad? ist eine warmherzige Satire, ein ziemlich schöner Roman mit Biss.

 

 

 
ENTDECKEN

Unterricht am Objekt für unstete Zeiten, mit dem Wohlwollen von Schleimpilzen

Der Klimawandel, ganz zu Schweigen vom zerrissenen politischen Klima, von dem die spätkapitalistischen Demokratien gebeutelt werden, führt zu Massenumwälzungen, wie sie wohl seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr zu verzeichnen waren. Und Umwälzungen weisen wiederum zwangsläufig auf Schleimpilze hin. Laut Jean-Paul Gagnon, einem außerordentlichen Professor der Politik an der University of Canberra, können uns die Überlebensinstinkte dieser Einzeller viel über das Partizipieren am Gemeinwohl vermitteln. Inspiriert von Forschungsarbeiten, bei denen diese Erkenntnisse genutzt wurden, um Computertechnologien voranzutreiben und um das Phänomen des Staus zu untersuchen, suchte Gagnon nach dem, was er als die vernünftigen Kooperationstendenzen des Schleimpilzes identifiziert hat. Sie starten als einzelne Sporen, ernähren sich von Bakterien und reproduzieren sich über Zellteilung, also mittels der Mitose. Mit wachsender Anzahl lernen die Schleimpilze sich mittels der Meiose zu vermehren, also Sex zwischen einzelligen Organismen. Wenn sie aber feststellen, dass die Nahrung knapp wird und ihr Lebensraum zu klein, geben sie eine chemische Flüssigkeit ab, die als Katalysator eine neue Phase einläutet, in der sie sich zu einer Supereinheit von hoher Schlagkraft zusammenschließen. ’Um zu überleben, sind sie aufeinander angewiesen,’ hält Gagnon fest. Es ist genau dieser Gedanke, von dem der Wissenschaftler hofft, er möge in unseren politischen Hauptakteuren und unserer Gesellschaft wiederaufleben: ‘Wenn sie keinen Konsens bilden können, an welchem Punkt man vom Einzeller resp. Individuellen zu dieser Superkonstellation zusammenfinden sollte, um Hunger zu bekämpfen, dann riskieren sie den Tod.’

 

 

 
INTERVIEW

Claire-Louise Bennett: ein Lobgesang auf Sonderlinge und hoffnungslose Fälle

Pond von Claire-Louise Bennett ist eine introspektive, fast klaustrophobische Sammlung an Geschichten, die einen nichtsdestotrotz intensiv in ihren Bann ziehen, situiert am ‘westlichsten Punkt Europas, gleich neben dem Atlantischen Ozean’ – mit anderen Worten, an der wilden Westküste Irlands, an die sich Bennets namenlose Erzählerin zurückgezogen hat, um in sich zu gehen. Eine abgebrochene Doktorarbeit verfolgt sie, hörbar bis in ihre Sprache und ihren Tonfall; man hat den Eindruck, sie habe diese Arbeit nicht schreiben wollen, der Abbruch aber hat an ihrem Stolz gerührt und sie in großer Verwirrung zurückgelassen. Sie wechselt von schelmisch-schuldbewusst zu zickig selbstkritisch, in Prosa, die durchgehend lebhaft und eher sehr speziell ist. Bennett fängt die Texturen des Alltäglichen, die wir oft übersehen, meisterhaft ein: ‘reichhaltiger, fast magischer’ Schlamm, zum Beispiel. ‘Aus irgendeinem Grund finde ich Alltagsgegenstände ziemlich ergreifend – ich liebe Stillleben, sie verweisen auf das Leben’, erklärt Claire-Louise Bennett gegenüber The Paris Review. ‘Ich reagiere viel mehr auf Stimmungen als auf eine Handlung, [die] eine einzelne einsame Stimme viel besser erfasst, vielleicht vergleichbar mit einer einzelnen Kerzenflamme. Ich habe mich immer von Sonderlingen angezogen gefühlt, den Außenseitern, dem Exil, den hoffnungslosen Fällen mit dem schwarzen Humor.’

 

 

 
ANHÖREN

Über Musik, das Handwerk des Schreibens und Identität: Elif Şafak

Elif Şafak, eine der herausragendsten Schriftstellerinnen der Türkei, schreibt auch Gedichte. Letzten Juni besuchte sie BBC4 Radiomoderatorin Kirsty Young, um über die Wichtigkeit von Musik, das Minenfeld der Identitätspolitik, ihre Gründe fürs Schreiben (angefangen bei einem kleinen türkisfarbenen Notizbuch, das sie als Achtjährige erhielt) und ihr nomadisches Heranwachsen mit einer Mutter als Diplomatin und einem Vater, den sie ‘drei oder vier Mal in ihrem ganzen Leben sah’ nachzudenken. All das unterfüttert mit ungezwungenen Liner Notes zu ihrer Musikauswahl; ihre Songs, die sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde – darunter Mumford & Sons’ ‘Babel’, Leonard Cohens ‘Famous Blue Raincoat’ und Apocalypticas ‘Nothing Else Matters’. Şafaks eklektischer Geschmack erstreckt sich auch auf die in ihrer Prosa ausgedrückten Interessen: Asya, ein Johnny-Cash-Fan, stellt sich ihr Leben in Amerika vor, aus der Redoute eines rein weiblichen türkischen Haushalts in The Bastard of Istanbul; eine Jüdisch-Amerikanische Hausfrauengeschichte steht im Einklang mit einer Nacherzählung des Lebens von Rumi, dem Dichter aus dem 13. Jahrhundert in The Forty Rules of Love; eine kurdische Familie in Yorkshire begeht einen Ehrenmord in Honour. Der Schatz an Einsichten, ganz zu Schweigen vom Reichtum der Stimme Şafaks und ihrer Liedauswahl, macht das Hören dieses Interviews unerlässlich. ‘Mensch zu sein bedeutet mehrere koexistierende und konfliktbeladene Figuren des Selbst zu verkörpern’, wie sie behauptet. ‘Es ist die Aufgabe des Romanciers, diese Schichten abzutragen und das Herz hervorzuholen, das darunter schlägt.’

 

 

 
KINO

Die provokanten, ergreifenden Visionen der Anocha Suwichakornpong

Die thailändische Regisseurin Anocha Suwichakornpong macht traumhafte, selbstreferentielle Filme, die aufeinander aufbauen, um einen Eindruck davon zu vermitteln, was es heißt, eine politische Filmemacherin in einer politisch unbeständigen Umgebung zu sein. Dao khanong (By the Time It Gets Dark) ist eine Art Fortsetzung ihres ersten Films, Jao nok krajok (Mundane History), ein scharfsichtiger Blick auf das Patriarchat. Es ist ein Film innerhalb eines Filmes, die verschachtelte Geschichte einer jungen Frau, die versucht, unter Beobachtung des Militärs einen Film zu machen. Visra Vichit-Vadakan, Regisseurin des Films Karaoke Girl von 2013, spielt Ann, eine Filmemacherin, die sich mit den Ereignissen vom Oktober 1976 beschäftigt hat (als Staatskräfte und paramilitärische Einheiten protestierende Studenten an der Thammasat University umbrachten). Suwichakornpong erschafft desorientierende Kehrtwenden in der Chronologie – eine Zukunftsvision ähnelt bald der Vergangenheit, die wir dachten hinter uns gelassen zu haben – und Kehrtwenden der Protagonisten, mit der Schauspielerin Atchara Suwan in einer Dreifachrolle als Kellnerin, Reinigungskraft und Mönch. Wir können unseren Unglauben niemals komplett ablegen in einem Film, der uns zuzwinkert mit Wahrnehmungsrahmen – wiederkehrende Aufnahmen von Fensterläden, Fenstern, einer Kameralinse – und uns mit surrealen Halluzinationen zu verführen scheint. Es ist eine übernatürliche Erzählung, die an die Realität gebunden bleibt; dao khanongs wörtliche Übersetzung lautet ‘wilder Stern’, das sich anhört wie nicht von dieser Welt, aber auch eine Nachbarschaft in den westlichen Ausläufern Bangkoks bezeichnet.

 

 

 
UNTERKUNFT

Ein charmanter Rückzugsort für müde Geister: Kristbergs Rusthåll

Die Quiet Garden Bewegung macht Grünflächen privater Häuser und an Orten der Andacht zugänglich, an denen man beten, nachdenken oder sich entspannen kann – um dem inständigen Treiben der Stadt und die daraus resultierenden Belastungen auszubalancieren. Quiet Gardens finden sich in Noordhoek, außerhalb von Kapstadt; in Manaia, Neuseeland; und an anderen beruhigenden Orte auf der ganzen Welt, aber nur eine Handvoll davon bieten auch Unterkünfte an. Kristbergs Rusthåll, ein Bed-and-breakfast-Hotel, geführt von Eva-Lotta und Björn Kalman im schwedischen Borensberg, liegt am Rande des wunderschönen fischreichen Sees Boren. Ein charmantes Haus mit einem spitzen Stuckdach, warmen gelben Wänden, viel hellem Holz und einer Bibliothek. Das Gebäude bietet ausreichend Platz, besticht durch seinen rustikalen und erhebenden Charme. Die Gäste kochen in der großen Gemeinschaftsküche, lesen bei Kerzenschein, erkunden das weitreichende Gelände und packen gelegentlich beim Unkrautjäten mit an.

 

 

Illustrationen von Jeffrey Cheung.

‘The mind is the most capricious of insects—flitting, fluttering.’

Virginia Woolf